Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Weisheit als menschliche Tugend (s. d. Art) läßt sich definiren als die Geneigtheit des Menschen, sich in seinem Erkenntnißleben Gott als die erste Ursache und den wahren Endzweck aller Dinge stets gegenwärtig zu halten und im Lichte dieser ersten Ursache und dieses letzten Zweckes Alles zu beurtheilen. Sie hat ihr Vorbild in der unendlichen Weisheit Gottes (s. d. Art. Gott V, 886), der stets nach den Regeln seiner unendlichen Erkenntniß handelt und darum seinen Zweck mit unfehlbarer Sicherheit erreicht. Weise überhaupt ist derjenige, welcher bei seinem Thun stets auf den Zweck hinblickt und hinarbeitet, daher im Lichte dieses Zweckes unablässig alles, was dazu führen soll, richtig beurtheilt und anordnet. Zur moralischen Tugend wird die Weisheit beim Menschen dann, wenn er bei seinen Handlungen in der angegebenen Weise nicht bloß die näherliegenden irdischen Zwecke im Auge behält, sondern stets auch an sein wahres Endziel denkt und sich von dieser Erkenntnis leiten läßt. Diese Weisheit gibt sich im Hinblicke auf die Erhabenheit ihres Gegenstandes gleich als die höchste unter den intellectuellen Tugenden zu erkennen. Wo kann auch, wenn das wahre Wissen ein Erkennen der Dinge aus ihren Ursachen ist, eigentlich in einem bessern Sinne von Wissen und Erkennen gesprochen werden als bei dem Erkennen der Dinge aus ihrer ersten wirkenden, vorbildlichen und Zweck-Ursache? Die Weisheit gibt ein wahrhaft einheitliches Wissen, denn sie hat ja eben Gott als den gemeinsamen Schöpfer, als das gemeinsame Vorbild und als den gemeinsamen Endzweck aller Dinge und Gottes Willen als einheitlichen Maßstab und einheitliche Richtschnur für alles, was geschehen soll, erkannt und betrachtet Alles unter diesem Gesichtspunkte. Dieß bewirkt die schönste Concentration in der Erkenntnis, und diese Concentration des Geistes macht uns in besonderer Weise gottähnlich, sofern ja Gott bei unendlicher Lebensfülle in absolutester Einfachheit sich selbst der Gegenstand des Denkens ist. Wie Einheitlichkeit hat der Mensch in der Weisheit in gewissem Sinne auch Universalität des Erkennens, sofern in der Weisheit das Eine Princip, aus welchem Alles wenigstens klar werden kann, Gott, festgehalten wird. Aber auch Tiefe der Erkenntniß liegt in der Weisheit, denn sie geht stets auf den Urgrund von Allem, auf die erste Ursache, Gott, zurück. Die Weisheit gibt weiter in eminentem Sinne ein sicheres Wissen, denn was könnte einen zuverlässigern Maßstab zur Beurtheilung aller Dinge und Geschehnisse bieten als des untrüglichen Gottes Lehren und Gebote? Sie gibt ein klares Wissen. Auf der lichten Höhe der Gottheit, zu welcher die Weisheit emporführt, empfängt der menschliche Geist einen klaren Überblick über die Schöpfung; vieles, was ihm sonst hinsichtlich des Werthes, der Stellung und Zweckbeziehung der Geschöpfe dunkel bleiben würde, erscheint jetzt in reichem Lichte. Endlich zeigt die Weisheit eine besondere Ähnlichkeit mit der höchsten aller Tugenden, mit der Liebe, sofern in dieser unser Wille ständig unmittelbar mit Gott geeinigt ist, in der Weisheit aber unser Intellect an Gott anknüpft. (Vgl. S. Thom. 1, q. 1, a. 6 et 8; 1, 2, q. 57, a. 2. 3. 4; q. 66, a. 5; q. 68, a. 7; 2, 2, q. 9, a. 2; q. 19, a. 7; q. 23, a. 2, ad 1; q. 45, a. 1 et 2; q. 46, a. 1, ad 2; q. 47, a. 2, ad 1.)

[Kirschkamp.]


Zurück zur Startseite.