Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Wessenberg, Ignaz Heinrich von, Generalvicar und Bisthumsverweser zu Konstanz, Hauptträger der antikirchlichen Reformbestrebungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wurde am 4. November 1774 zu Dresden als Sohn des kursächsischen Conferenzministers Johann Philipp Karl v. Wessenberg geboren. Seine frühe Jugend verlebte er auf dem väterlichen Landgute zu Feldkirch im Breisgau, wohin die Eltern sich 1776 zurückgezogen hatten. Den ersten Unterricht erhielt er mit seinen Geschwistern vom Vater und einem geistlichen Hauslehrer, wobei Heinrich gute Naturanlagen, aber – nach eigenem Geständniß – auch einen eiteln Trieb nach Auszeichnung und ungemeine Empfindlichkeit gegen Tadel an den Tag legte. In politischer Hinsicht galt Joseph II. (s. d. Art.) in der Familie als Ideal; unter Thränen theilte der Vater 1790 den Tod »des guten Kaisers« den Kindern mit. Nach zweijährigem Aufenthalte an der von Exjesuiten geleiteten Lehranstalt St. Salvator zu Augsburg zog es den jungen Wessenberg an die Kants Philosophie und der Aufklärung ergebene Hochschule zu Dilingen, wo er die philosophischen und theologischen Studien begann; denn als nachgeborener Sohn einer altadeligen Familie war er wie auch sein jüngerer Bruder Aloys für den geistlichen Stand bestimmt und soeben (1792) mit Dompräbenden an den Hochstiften zu Konstanz, Augsburg und Basel ausgestattet worden. Im J. 1794 siedelte er an die ebenfalls der Aufklärung huldigende Universität Würzburg über. Neben theologischen gab er sich hier auch juristischen Studien über deutsches Staatsrecht und bürgerlichen Prozeß hin, kam oft an den Hof und wurde vom Fürstbischof Franz Ludwig v. Erthal und dessen Nachfolger Fechenbach mit ausnehmender Freundlichkeit behandelt. Hier traf er auch zum ersten Male mit Karl Theodor v. Dalberg (s. d. Art.), Coadjutor von Mainz und Konstanz, zusammen, der ihn von da ab nicht mehr aus dem Auge verlor. Seit Sommer 1796 war Wessenberg in Wien, wo er neben seinen Studien auch praktisch als Volontär am Reichshofrath arbeitete. Bedeutende Verluste am Familienvermögen infolge der Kriege im Elsaß veranlaßten ihn aber schon Ende 1797, seinen Aufenthalt in Konstanz zu nehmen, woselbst ihm seit einiger Zeit ein Canonicat verliehen war. Kirchengeschichte und Kirchenrecht nahmen fast ausschließlich seine Zeit in Anspruch, und eine an die geistlichen Stände gerichtete Druckschrift, welche er zu Augsburg 1800 herausgab, faßte das Resultat seiner Studien in den Gedanken zusammen: Die deutsche Kirche soll unter der Oberleitung eines Primas sich von der römischen Curie möglichst unabhängig machen. Als mit dem Tode des Fürstbischofs von Konstanz, Maximilian v. Rodt (14. Januar 1800), Dalberg dessen Nachfolger wurde, bestellte er Wessenberg zu seinem Generalvicar in Konstanz, nachdem eine mehrstündige Unterredung in Augsburg die Übereinstimmung ihrer beiderseitigen Ansichten und Pläne dargethan. Eine diplomatische Sendung nach Bern zu Gunsten der auf dem eidgenössischen Gebiete gefährdeten Kirchengüter war die erste Aufgabe, mit welcher Dalberg seinen Schützling betraute. Wessenberg führte sie mit Geschick und Erfolg durch. Ein päpstliches Breve sprach ihm das Wohlgefallen und den Dank des heiligen Vaters aus. Anfangs 1802 übernahm Wessenberg das Generalvicariat. Er war damals 27 Jahre alt und Subdiacon; erst im September 1812 wurde er in Fulda zum Priester geweiht. Seine Anschauungen und Grundsätze legte er selbst in dem 1801 in Zürich erschienenen »Geist des Zeitalters« dar. Die Religion, sagt er, werde von den Priestern mißbraucht, um Reichthümer und die Herrschaft über die Geister an sich zu reißen; darum habe der Staat die Kirche unter Vormundschaft zu nehmen (a. a. O. 92). Offenbarung sei etwas für das gemeine Volk. Jede Religion baue sich auf Vorurtheilen auf, insbesondere auf der Vorstellung, daß die Priester sich eines nähern Umganges mit Gott erfreuen, und ihre Lehren Orakelsprüche der Gottheit seien. Die Stützen dieser Vorurtheile habe das Volk so lange nöthig, als ihm die wohlthätige Aufklärung Dämmerung bleibe. Man müsse also klug vorgehen (178 ff.). »Dem Kirchenglauben kann, ohne daß man ihm den Dienst aufsagt noch ihn befehdet, sein nützlicher Einfluß als eines Vehikels erhalten und ihm gleichwohl als einem Wahn von gottesdienstlicher Pflicht aller Einfluß auf den Begriff der eigentlichen Religion – nämlich der moralischen – abgenommen werden, und so bei aller Verschiedenheit der Glaubensarten Verträglichkeit der Anhänger unter einander durch die Grundsätze der ewigen Vernunftreligion gestiftet werden, bis man mit der Zeit vermöge der überhand genommenen Aufklärung mit Jedermanns Einstimmung die Form eines erniedrigenden Zwangsglaubens gegen eine kirchliche Form, die der Würde einer moralischen Religion angemessen ist, nämlich die eines freien Glaubens, vertauschen kann« (142). In früheren Jahren, führt Wessenberg weiter (184 ff.) aus, sei die Geistlichkeit gutmüthig genug gewesen, zu meinen, die bischöfliche und die päpstliche Gewalt sei unmittelbar von Gott verliehen worden; aber keine von beiden sei göttlichen Ursprunges und Rechtes, sie stammten aus späteren Zeiten und seien Erzeugnisse des sich nach und nach äußernden Bedürfnisses. »Eine wahre Verbesserung der kirchlichen Zustände war die höchste Idee«, welche Wessenberg zu unermüdlicher Thätigkeit anspornte. Freilich that eine Verbesserung noth. Die vornehmeren Klassen hatten das Gift der französischen Grundsätze in sich aufgenommen und sahen mit Verachtung auf den Glauben herab. Das gemeine Volk hatte unter den Kriegen schweren sittlichen Schaden gelitten. Der Clerus war großentheils ohne Berufseifer. Nicht wenige Pfarrer hielten in einem Monate nur einmal Predigt und christliche Lehre (Wessenbergs Bibl. [s. u.] Fasc. 38, Nr. 61). Es war also freudigst zu begrüßen, daß Wessenberg vor Allem der Erziehung des Clerus eine vorzügliche Sorge zuwandte. Wer in’s Seminar aufgenommen werden wollte, mußte einen philosophischen Cursus mit Logik, Psychologie, Moralphilosophie, Physik und Geschichte mit Erfolg durchgemacht haben und in den Hauptfächern der Theologie, in Exegese, Kirchengeschichte, Dogmatik, Moral, Kirchenrecht, Pastoral und Pädagogik, eine Prüfung bestehen; ebenso wurde am Schlusse eines jeden Semesters, meistens unter dem persönlichen Vorsitze Wessenbergs, über die vorgetragenen Disciplinen geprüft. Auch das war ein vortrefflicher Gedanke und das Merkmal eines organisatorischen Geistes, wenn Wessenberg sogleich 1802 die Dienstanweisung der Vicare, welche sich bisher wie Knechte an Pfarrer verdingt hatten und oft auch wie Knechte gehalten wurden, dem Ordinariate in die Hand gab. Ebenso war es freudig zu begrüßen, daß Wessenberg unverweilt anordnete, in der Pfarrkirche müsse jeden Sonntag gepredigt, und in der Schule wöchentlich zweimal Religionsunterricht ertheilt werden. Aber schon in der 1802 gegründeten und von Wessenberg persönlich redigirten »Geistlichen Monatsschrift« trat eine bedenkliche Kehrseite der »Verbesserung« zu Tage, daß es dabei nämlich auf Einführung der josephinischen Aufklärung (s. d. Art.) abgesehen war. Das eifrige Studium der Kirchengeschichte und des kirchlichen Rechtes, hieß es in der Vorrede, werde nicht wenige Vorurtheile zu Fall bringen; man erfahre da, wie manche Dinge in der Kirchendisciplin von jeher der Veränderung unterworfen waren, ohne der Einheit Abtrag zu thun. Was die Vorrede leise andeutete, sprach die Schrift selbst bald unzweideutig aus. Es gelte, aus der Kirche eine Menge Schutt wegzuräumen. Schutt seien die Hunderte von Cerimonien, von denen das Volk nichts verstehe, die übermäßige Verehrung Mariä, welche einzig von der Mutter Gottes Rettung hoffe, die vielen Kapellen, Nebenkirchen, die Nebenmessen an Sonntagen, insbesondere aber die Wallfahrtskirchen und die Wallfahrten, die nur zur Bereicherung der Bäcker, Metzger und Wirthe geschaffen seien (»sie sind Gift für die Moralität«). Schutt sei die Unzahl von Weihungen und Segnungen, das ewige Rosenkranzbeten, die verschiedenen Bruderschaften, deren Umbildung in gemeinnützige Anstalten kaum mehr länger aufgeschoben werden könne. Ein Mitarbeiter hatte mit Genehmigung des hochw. Ordinariates bereits eine marianische Bruderschaft in eine »Congregation oder Liebesbund der löblichen Bruderschaft in N. N. zur Unterstützung ihrer armen Mitbürger unter dem Schutze Mariä und Josephi« umgewandelt und derselben hiermit »ein vernünftiges Ziel und Ende« gegeben: »Liebe zu Jesu und den Brüdern«. Den Mitgliedern sind Ablässe zugesichert, aber »bei diesen ist wohl zu merken, daß man sie nicht bloß durch Beicht und Communion und mit einigen Gebeten gewinnen kann, sondern nur durch eifriges Streben nach Liebe zu Jesu und den Mitmenschen«. So erfreute sich z. B. eines vollkommenen Ablasses, »wer zur Wiederbelebung eines Erhenkten, Erfrorenen u. s. w. etwas beiträgt«. »Wer seine Kinder fleißig zur Schule schickt, erwirbt einen unvollkommenen Ablaß.« Aber Wessenberg ist der Meinung, dieses Werk »hätte wohl verdient, zu einen vollkommenen Ablaß erhoben zu werden« (Geistl. Monatsschrift I, 378 ff.). Zum Schutt gehören ferner das Breviergebet, die wöchentliche Beicht, die Klöster. Der vernünftig gewordene Zeitgeist verlange deren Umwandlung in Bildungsinstitute. An die vom Schutte gereinigte Stelle solle ein neuer Bau kommen: die Priestercandidaten haben die »wesentlichen« Lehren des Christenthums sich fest einzuprägen, sich der wahren, nämlich der socratischen Katechismusmethode zu befleißigen; die Schule soll auf die Höhe der Zeit emporgehoben werden, dem Volke darf die Bibel nicht länger vorenthalten bleiben, anstatt der bisherigen einfachen Ausspendung des Buß- und Altarssacramentes ist eine »liturgische Buß- und Communionfeier« einzuführen. – Ihren Knotenpunkt sollten diese reformatorischen Bestrebungen in den Capitelsconferenzen finden, an deren Einführung von Konstanz aus mit glühendem Eifer gearbeitet wurde. Bei zweckmäßiger Einrichtung, erörtert Wessenberg, seien sie ein vortreffliches Mittel, den so verschieden gesinnten Clerus zu einheitlichen Grundsätzen in Theologie, Moral und Pastoral zusammenzuführen und eine Beseitigung von Gesetzen anzubahnen, »die entweder ganz abgeschafft werden sollen oder doch nach dem Zeitgeiste nur unter gewissen Einschränkungen Verbindlichkeit haben dürften« (ebd. I, 320). Von Capitel zu Capitel wurden monatliche Conferenzen eifrig in’s Werk gesetzt, in manchen Capiteln traten die Regiunkeln zu Monatkonferenzen zusammen. Ihre Verhandlungen und Aufsätze wurden an Wessenberg eingesendet, und die Monatsschrift war das Sprachrohr der Conferenzen. Wessenberg begleitete die Aufsätze mit Fußnoten, welche aufklärende Winke geben, über Bedenken beruhigen, Aufgaben stellen, die Schüchternen ermuthigen, den Kühnen Beifall spenden sollten. Er selbst behandelte geschichtliche Themata im Sinne der Aufklärung, »der reinen Lehre Jesu« und des »wahren, vernünftigen Christenthums«. Im Zusammenhang mit den Conferenzen forderte die Monatsschrift nachdrücklich zur Errichtung neuer Capitelsbibliotheken auf. Behufs zweckmäßiger Anschaffung empfahl sie beispielshalber die Bücher von Eckartshausen, die Briefe von Gellert, »Irdisches Vergnügen in Gott« von Brockes und als »schätzbares Werk« die französische Encyklopädie (ebd. III, Intelligenzblatt S. 16) – Die Zeitschrift zählte von Anfang 660 Abonnenten aus allen Theilen der weit verzweigten Diöcese. So traurig war es indeß um den kirchlichen Geist noch nicht bestellt, daß man die Leistungen der Monatsschrift ruhig hingenommen hätte. Einzelne Artikel verursachten eine gewaltige Gährung in und außer Konstanz. Am 25. Mai 1804 schrieb Dalberg aus Aschaffenburg an Wessenberg: »Aus wichtigen Gründen muß die Meersburger Monatsschrift von nun an aufhören. Dieses gebietet die Liebe des Friedens, welche im gegenwärtigen Zeitpunkte wichtig ist.« Es solle eine andere, »der Religion und Sittlichkeit offenbar nützliche Unternehmung« in’s Leben gerufen werden, »welche zu keinen Zänkereyen Anlaß gibt« (Wessenb. Bibl. Fasc. 49, Nr. 137). Noch im nämlichen Jahre trat das »Konstanzer Pastoralarchiv« in’s Leben, das bis 1827 jährlich in 2 Bänden erschien. Rein dogmatische und kirchenrechtliche Fragen wurden jetzt von den Conferenzen ausgeschlossen, um »Verketzerungssucht« und Schädigung der Zusammenkünfte fernzuhalten. Aus 275 gedruckten Themata, meistens aus dem Gebiete der Pastoral, konnte jeder Priester eine beliebige Auswahl treffen. Die Conferenzen selbst wurden organisirt. Wessenberg bestand streng auf deren Besuch; jeder Geistliche mußte Arbeiten, mindestens Notizen einliefern. Der »Conferenzdirector« übersandte die Arbeiten mit einer übersichtlichen Darstellung über den Verlauf der Verhandlungen dem Generalvicariat. Die besser befundenen Arbeiten wurden in das Pastoralarchiv aufgenommen. Eine außerordentlich große Anzahl von Aufsätzen befaßten sich mit der Volksschule. Die Heranbildung von Lehrern, die Vervollständigung und Erweiterung des Lehrplanes, die Ausbildung und theoretische Begründung einer zweckmäßigen Methode ist dem Generalvicar ein Herzensanliegen gewesen, und er hat eine bedeutende Anzahl von fähigen Männern zur eifrigen Mitarbeit gewonnen. Eine rege praktische und schriftstellerische Thätigkeit hat in Verbindung mit Wessenberg in dieser Richtung der spätere Erzbischof Demeter entfaltet. Um seinem Sinne entsprechende Religionshandbücher, Katechismen, Gesangbücher u. s. w. zu bekommen, setzte Wessenberg Prämien aus, zum Theil aus eigenen Mitteln. Auch auf dem Gebiete der praktischen Theologie im engern Sinne enthält das Pastoralarchiv manche werthvolle Gedanken und Aufsätze. Aber seinen Charakter als Organ zur Verbreitung der Aufklärung konnte und wollte es nicht verbergen. So forderte Wessenberg die Priester auf, deutsche Formularien zur Ausspendung der heiligen Sacramente und zu Benedictionen zu entwerfen, die Meßformularien und die Vespern in’s Deutsche zu übersetzen. Er erlaubte auch, solche Formularien nach erfolgter Gutheißung in der Praxis zu verwerthen; darunter findet sich z. B. der »Versuch eines Taufritus, wenn ein katholischer Pfarrer Kinder protestantischer Eltern zu taufen hat« (Pastoralarchiv 1811, II, 143 ff.), und der »Versuch eines Trauungsritus, wenn ein katholischer Pfarrer eine Ehe einsegnen soll, da ein oder beyde Theile einer andern christlichen Confession zugethan sind. Mit bischöflicher Genehmigung bei sich ereignenden Vorfällen einstweilen zu gebrauchen« (Pastoralarchiv 1812, I, 102 ff.). Manche Pfarrer waren in dieser Richtung von einem glühenden Eifer entbrannt; so meldet Pfarrer Wolf von Rickenbach am 26. October 1809, er habe »acht Litaneien verfertigt«. – Was Wessenberg in den Conferenzen angeregt hatte, führte er alsbald in’s Leben ein. Das Ordinariat hatte dabei wenig zu sagen. »Wessenberg schaltete und waltete mit unbeschränkter Vollmacht, ohne alle Rücksicht auf den geistlichen Rath, nach seinem Eigensinn« (Braun, Memoiren des letzten Abtes von St. Peter, Freiburg 1870, 298). Mitglieder der Curie beklagten sich: »Der einzige Wessenberg macht ohne unser Wissen Alles, obgleich im Namen der Curie. Wir sind an seinen Sultanismus schon gewöhnt« (Denkschrift [s. u. Sp. 1361] 100). Das Rosenkranzgebet während der heiligen Messe wurde verboten, gegen die Wallfahrten und Ablässe geeifert, die Bruderschaften aufgehoben und an deren Stelle die neue »von der Liebe Gottes und des Nächsten« befohlen, locale Processionen, Feiertage, Patrocinien mit stürmischer Hast abgestellt, überhaupt eine ganz neue, »aufgeklärte« Gottesdienstordnung eingeführt. Aber die Art des Vorgehens und die Neuerungen selbst stießen auf große Hindernisse. Nicht bloß die Gegner Wessenbergs klagten wegen »Überschwemmung mit geistlichen Ordonnanzen«, auch die Gesinnungsgenossen waren mit dem überstürzenden Vorgehen unzufrieden. »Mein Wunsch«, schreibt schon Ende 1804 einer der devotesten Verehrer und entschiedensten Anhänger Wessenbergs, Dr. Fridolin Huber, »war schon lange, daß nicht so viele bischöfliche Decrete erscheinen, die heute dieses und morgen schon wieder etwas Anderes gebieten oder verbieten. Priester – von mir und meinesgleichen gilt das freilich nicht – und Volk werden durch die immerwährenden Verordnungen, die kein Ende nehmen wollen, nur aufgebracht« (Wessenb. Bibl. Fasc. 47, n. 137). Bei den Conferenzen kam es bisweilen zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen »Aufgeklärten« und »Obscuranten«. Der Domdecan und Weihbischof v. Bissingen widersetzte sich der Einführung der Neuerungen in die Domkirche zu Konstanz (Braun 298); auch manche Decane und Pfarrer zögerten und wurden mit Suspension bedroht. Im Jahre 1812 stellte Wessenberg dem katholischen Kirchendepartement in Karlsruhe vor, man möge die freien Decanatswahlen aufheben, »weil die Pfarrer an den Decanen nur Anwälte haben wollen, wenn sie die bischöflichen Anordnungen nicht vollstrecken« (Wessenb. Bibl. Fasc. 75, u. 127). Erlasse des Generalvicars, welche nur an die Pfarrer oder Decane gerichtet waren, mußten, damit ihre Ausführung gesichert werde, von der Kanzel verkündet, und die Verkündigung mußte vom Vogte beurkundet werden. »Beinahe das einzige Hinderniß der kirchlichen Verbesserung«, schreibt Decan Burg von Kappel am 21. September 1809, »sind die katholischen Geistlichen selbst. ‚Seht, man will euch mit Gewalt lutherisch machen’, so sprechen neun Zehntel theils aus subjectiver Überzeugung, theils aus Heuchelei, theils aus tückischem Neid« (Wessenb. Bibl. Fasc. 67, n. 117). Das größte und beharrlichste Hinderniß stellte aber den Neuerungen das katholische Volk entgegen. In den vier oberbadischen Orten Minseln, Nollingen, Rickenbach und Weilheim kam es zu förmlichen Aufständen wegen Verbot des Rosenkranzgebetes, in der Baar, in Immendingen und Hüfingen zu amtlichen Untersuchungen (Wessenb. Bibl. Fasc. 65, n. 74). In der Rheinebene unterhalb Freiburg hatten die Neuerungen zu Reibereien zwischen Katholiken und Protestanten geführt. Auf Anfrage Wessenbergs, ob durch die Spannung etwa die kirchliche Verbesserung gefährdet werden könne, antwortete Decan Burg, die bischöfliche Behörde dürfe sich von ihrem Beginnen nicht abhalten lassen. »Eine Spannung wird so lange bestehen, als Gott noch zu Sion und Garizim angebetet wird; es muß einmal die verheißene Zeit herbeigeführt werden, wo er überall im Geiste und in der Wahrheit angebetet wird.« … »Es ist unläugbar, daß die Protestanten unsere Verbesserungen mit Eifersucht ansehen. Es ist unläugbar, daß wir in unseren Verbesserungen nach ihren Grundsätzen handeln und sogar ihre trefflichen früheren und späteren Vorarbeiten in allen Fächern, besonders jetzt in der Liturgie, benutzen. Es ist unläugbar, daß wir uns in unserer Verbesserung von der römischen Kirche trennen und uns der deutschen protestantischen Kirche nähern müssen. Es ist also hier die größte Klugheit nothwendig, alle kirchlichen Verbesserungen so zu veranstalten, daß wenigstens die eifersüchtigen Protestanten nicht sagen können: ‚Seht, man hat es von uns genommen und euch gegeben’« (Wessenb. Bibl Fasc. 67, n. 117). Wessenberg selbst schrieb an den reformirten Pfarrer Scherer, er wünsche, daß die Liebe bald der Trennung im Glauben ein Ende mache. So klar waren sich die Führer ihres Beginnens bewußt; aber auch das Volk. Die Frage, wie der »Eigensinn« des Volkes zu brechen sei, ist in dieser Zeit das stehende Thema der Conferenzen, und es ist empörend, wie verächtlich diese Hirten vom katholischen Volke, vom gemeinen »Christenhaufen« reden. Nach ihrer Ansicht ist das Volk fast wie das Thier abhängig von sinnlichen Eindrücken und unfähig für höhere Geistescultur. Was es thut, ist Aberglauben, Heuchelei, Lippendienst, Mechanismus. Man hatte keine Ahnung von dem tiefen religiösen Sinne, der im christlichen Landvolke lebte, die Aufklärung durchschaute und allerwärts in den Klageruf ausbrach: »Wir müssen eben lutherisch werden.« Vom Jahre 1814 an beschäftigten sich das Generalvicariat und die Conferenzen lebhafter mit der Verbreitung der Bibel unter dem gemeinen Volke. In der Frage, ob man dem Volke die ganze heilige Schrift oder einen Auszug in die Hand geben solle, redete Wessenberg, wenn auch etwas verclausulirt, dem unbeschränkten Bibellesen das Wort. Mit einem bischöflichen Hirtenbriefe von Salzburg theilt er neben anderen Meinungen auch die, »daß, wenn einmal das Bibellesen allgemeiner wird, der gemeine Mann auch bald heller denken und aufgeklärter, an Vorurtheilen und Aberglauben nicht mehr so sehr kleben, zum soliden christlichen Unterrichte gelehriger und empfänglicher« werde (Pastoralarchiv 1815, I, 153 ff.). Das Neue Testament wurde bald darauf in der Übersetzung des »verdienten« Leander van Eß (s. d. Art.) an die Pfarrämter versandt, »um die Bücher an die Haushaltungen zu vertheilen«; 1820 wurde über eine in Freiburg zu gründende katholische Bibelgesellschaft verhandelt. – Das Pastoralarchiv geht allem Übernatürlichen scheu aus dem Wege. Der Seelsorger erscheint da nicht als Priester, sondern nur als »Volkslehrer«, als Prediger, und die protestantischen »Stunden der Andacht« werden ihm als eine vorzügliche Predigtquelle angepriesen. Die socratische Methode, welche nichts Neues mittheilt, sondern nur zum Bewußtsein bringt, was der Mensch schon in sich trägt, wird dem Katecheten als die eigentlich christliche, weil von Jesus Christus selbst beobachtete Lehrmethode empfohlen. So wenig die 47 Bände des Pastoralarchivs vom Glauben verlauten lassen, so wenig vermögen sie ihre starke Hinneigung zum Rationalismus zu verbergen. Dieselbe tritt am deutlichsten in den Bücheranzeigen zu Tage. Im J. 1810 empfehlen sie Coopers Briefe, deren Verfasser nach Wessenberg den Katholicismus in seiner reinen Gestalt dargestellt habe. Da liest man: die katholische Kirche bedürfe nicht eines obersten Hirten und sichtbaren Hauptes; der römische Papst sei mit dem trojanischen Pferde zu vergleichen; die Lehre von der alleinseligmachenden Kirche sei unchristlich und falsch; die Messe sei theatralisch, die Anrufung der Heiligen abergläubisch, die Lehre vom Fegfeuer phantastisch, die Verehrung der Bilder abgöttisch. Kurz darauf redet das Pastoralarchiv auch der Ulmer »Jahrschrift für Theologie und Kirchenrecht« das Wort, wie denn auch die an der Spitze der beiden Zeitschriften stehenden Männer, Wessenberg und Werkmeister (s. d. Art.), innig befreundet waren. Aber die Ulmer Jahrschrift steht entschieden auf häretischem Boden, sie ist das Arsenal der Aufklärung gewesen und hat mehr als jede andere Schrift zur Unterwühlung des katholischen Glaubens beigetragen. Geradezu feindselig gegen das Übernatürliche können die Aufsätze des Pastoralarchivs werden, wenn sie auf die Gnade und die Gnadenmittel zu reden kommen. Da witzeln sie dann über das opus operatum, spotten über das Gebet als Gnadenbettelei, über die eingegossene Gnade und Tugend und rufen entrüstet: »Das Volk weiß nichts von der Kraft des freien Willens« (Pastoralarchiv 1824, I, 44). Der Zweck der Segnungen ist ausgesprochenermaßen nur Erbauung, und auch bei den Sacramenten tritt die Gnadenertheilung in den Hintergrund oder verschwindet ganz, je nach dem Grade der Aufklärung des Verfassers. Nach Werkmeister sind die Sacramente »zweckmäßig aufgestellte Bilder und Zeichen, uns das Wichtigste unserer Religion leicht und rührend in’s Andenken zu bringen und dadurch gute Gesinnungen und Antriebe zur Rechtschaffenheit in uns zu erwecken«. Daher denn auch die deutschen Formularien für Ausspendung der Sacramente und für Benedictionen und die Verdeutschung der Meßgebete. »Schon längst«, sagen die »Freimüthigen Blätter« 1836, 1. Heft, 78, »haben sich eifrige Seelsorger die Freiheit genommen, auch in den Messen die Oration, die Epistel, das Evangelium deutsch vorzutragen, das Credo in deutscher Sprache anzustimmen und sofort vom Chor fortsetzen zu lassen und den wahrhaft schönen und reichhaltigen Lobgesang (Präfation) deutsch abzusingen.« – Positive Kirchengesetze gab es für Wessenberg nicht. Sehr leicht erhielten die Geistlichen Dispens vom Breviergebet und Erlaubniß, vor der heiligen Messe zu frühstücken (Braun 298), die Diöcese oder Theile derselben Dispens von der Abstinenz an den Samstagen, letzteres trotz päpstlicher Einsprache (Breve vom 4. Februar 1809). Über den Index librorum prohibitorum belehrt Wessenberg seinen Clerus im Anschluß an Leander van Eß (Pastoralarchiv 1815, I, 155), er sei von Privaten angefertigt und vom Papst allein gutgeheißen, also kein allgemeines Kirchengesetz; auch sei derselbe in manchen katholischen Ländern, Frankreich, Deutschland etc., nicht angenommen. – Im Einverständniß mit der Regierung von Luzern, aber im Widerspruche mit dem kirchlichen Recht und dem Concil von Trient ordnete Wessenberg schon 1804 und später auch für die Kantone Aargau, St. Gallen, Schwyz, Unterwalden an, daß in Zukunft Sponsalien nur dann gültig seien, wenn sie vor dem Pfarrer und mindestens zwei Zeugen abgeschlossen würden; auch daß Kinder nur mit Einwilligung ihrer Eltern oder Vormünder gültige Sponsalien schließen könnten. In directem Widerspruche mit dem kirchlichen Rechte stand auch eine Übereinkunft von 1806 mit derselben Regierung. Ohne jeden Grund wurde das Kloster Wertenstein aufgehoben und in ein bischöfliches Seminar verwandelt. Die Aufnahmeprüfung war vor einer staatlich und kirchlich gemischten Commission abzulegen, die Einrichtung der Anstalt der staatlichen Genehmigung unterstellt, und die Vorsteher hatten jährlich der Regierung Rechenschaft über die Verwaltung der Temporalien abzulegen. Eine Anzahl von Beneficien wurden zu Professorengehältern oder anderen der Stiftung fremden Zwecken verwendet. Ohne gut bestandenen Staatsconcurs konnte kein Geistlicher ein Beneficium erlangen. Mit Beistimmung Wessenbergs machte sich Luzern daran, noch andere Klöster aufzuheben, um Raum und Mittel für Waisenhäuser, Rettungsanstalten u. s. w. zu bekommen. Im J. 1806 stellte Wessenberg aus eigener Machtvollkommenheit in den Kantonen Aargau und St. Gallen eine Reihe von Feiertagen ab. Ein Erlaß vom 8. October 1807 bestimmte, daß päpstliche Ausfertigungen und Anordnungen erst durch die Genehmigung der bischöflichen Curie wirksam werden. Bezeichnend ist auch das 1808 erschienene Rescript an einige Decanate der Schweiz in Betreff der gemischten Ehen. Es sei zwar wünschenswerth, daß sämmtliche Kinder in der katholischen Religion erzogen werden, und der Pfarrer habe diesen Wunsch dem katholischen Brauttheil nachdrücklich an’s Herz zulegen. Sei aber dieses Ziel nicht zu erreichen, so bleibe nichts Anderes übrig, als daß die Knaben in der Religion des Vaters, die Mädchen in der der Mutter erzogen würden. Die Einsegnung solcher Ehen habe jeweils vor dem Pfarrer des Bräutigams zu geschehen; nachher sollten sich aber beide Theile vor dem Pfarrer der Braut stellen und den Eheconsens wiederholen. – Viele Eingriffe erlaubte sich Wessenberg in die Privilegien und Exemtionen der Regularen; insbesondere visitirte er wiederholt das Kloster der Franciscanerinnen in Appenzell, obgleich dasselbe unmittelbar dem heiligen Stuhle unterworfen war. Wiederholt säcularisirte Wessenberg Religiosen und dispensirte von den feierlichen Gelübden, auch vom Gelübde der ewigen Keuschheit. Auch in Ehesachen gab er unberechtigte Dispensen. Wegen dieser Eigenmächtigkeit vom Luzerner Nuntius Testiferrata am 26. Januar 1811 zur Verantwortung aufgefordert, erwiderte Wessenberg, das Schreiben des Nuntius verkenne die dem bischöflichen Amte wesentliche Jurisdiction; die gerügten Dispensen habe der Bischof aus eigener Machtvollkommenheit ertheilt und ertheilen können. Er gab zu verstehen, daß er die Nuntiatur von Luzern nicht anerkenne. Das »biedere Schweizervolk«, wie es Wessenberg zu nennen liebte, insbesondere die inneren Kantone, waren aber den Neuerungen ganz abhold. Sie weigerten sich, ihre Priestercandidaten in das Seminar nach Meersburg zu schicken, und nun war Wessenberg bemüht, auch in dem neulich erweiterten Luzerner Priesterseminar der Aufklärung eine Gasse zu bahnen. Durch seine Vermittlung wurde 1811 Dereser (s. d. Art.) Professor und Regens dieses Seminars. Als aber auch hier wie anderwärts Deresers unkirchliche Richtung bald zu Tage trat, erhoben sich die Geistlichkeit und die Nuntiatur gegen ihn und wiesen darauf hin, daß schon 1790 Schriften von Dereser vom heiligen Stuhle verworfen worden seien. Nun nahm Wessenberg den Regens in Schutz: Man könne an der Ächtheit des angezogenen Breve zweifeln; aber auch die Ächtheit zugegeben, habe dasselbe jede Bedeutung verloren. Denn der Erzbischof von Köln, welcher 1790 der competente Richter Deresers gewesen, habe denselben rechtgläubig gefunden, und gegen dieses Urtheil des Erzbischofs könne das päpstliche Breve keinen Beweis abgeben. Wessenberg spricht hier aus, daß das Urtheil des Papstes in Sachen der Lehre von einem beliebigen Bischofe reformirt werden könne, und daß es nicht zur Competenz des Papstes gehöre, über die Lehre zu urtheilen, daß er folglich, wenn er es doch thut, sich ein Recht anmaßt, das ihm Christus nicht verliehen hat. Infolge solcher Vorgänge bemühten sich die Schweizer, vom Nuntius unterstützt, ihre Kirche der Einwirkung Wessenbergs zu entziehen. Zuerst suchten sie Dalberg zum Verzicht auf ihr Gebiet zu bestimmen, dann für den schweizerischen Antheil einen eigenen Generalvicar zu erhalten. Als Dalberg auf das erste Verlangen ausweichend antwortet und Wessenberg die Erfüllung des zweiten hintertrieb, baten sie wiederholt und dringend den Papst, ihr Gebiet von der Konstanzer Diöcese zu trennen. Am 21. October 1814 kam Pius VII. ex justissimis gravissimisque causis den Bitten entgegen und stellte die bezüglichen Theile der Schweiz einstweilen unter einen apostolischen Vicar. In einem sehr unehrerbietigen Schreiben vom 1. Februar 1815 protestirte das Konstanzer Domcapitel gegen diese Lostrennung: es sei sich keiner Schuld bewußt und habe deßhalb durch den Provicar Reininger den Schweizern mitgetheilt, daß es gegen dieses Vorgehen den Recurs ergreife und ad papam melius informandum appellire. Voll apostolischen Ernstes wies jedoch der Papst am 7. September 1816 das Domcapitel in die Schranken der dem Oberhaupte der Kirche gebührenden Ehrfurcht und forderte die Zurücknahme des Protestes und der Appellation. Die Zurücknahme erfolgte aber nicht. – Gleichzeitig mit der Loslösung der Schweiz forderte am 2. November 1814 der heilige Stuhl den Fürstprimas auf, »den berüchtigten v. Wessenberg ohne Verzug als Generalvicar zu entlassen«. Die Klagen gegen denselben seien so schwer, die Beweise so sicher, daß ohne Beschwerung seines eigenen Gewissens der Papst diesen Zustand nicht mehr länger dulden könne. Allein Dalberg hielt das Breve geheim und gab demselben nicht nur keine Folge, sondern bat den Großherzog, ihm Wessenberg als Coadjutor cum spe succedendi zu geben. Vermöge seiner »Souveränitätsrechte«, sagt die Denkschrift der badischen Regierung S. VI, habe der Großherzog diese Ernennung vollzogen und es dem Fürstprimas überlassen, von Rom die Bestätigung zu erlangen. Aber Rom gab auf ein solches Ansinnen keine Antwort und ließ überhaupt die Angelegenheit bis zu Dalbergs Tode ruhen.

Schon 1811 hatte Dalberg, von Napoleon zum französischen Nationalconcil eingeladen, Wessenberg als Rathgeber nach Paris mitgenommen. Beide hofften, durch den hohen Protector des Rheinbundes werde sich eine zeitgemäße Neugestaltung der zerfallenen kirchlichen Zustände in Deutschland herbeiführen lassen. König Friedrich von Würtemberg hatte den Geistlichen Rath v. Keller dorthin gesandt, um Dalberg zur freiwilligen Resignation auf die ihm zustehenden Metropolitan- und bischöflichen Rechte über den würtembergischen Diöcesanantheil zu vermögen. Aus den Unterhandlungen blickte deutlich die Absicht Dalbergs durch, unter Mitwirkung des französischen Kaisers einen Primat für die deutsche Kirche zu errichten, sich selbst mit dieser Würde bekleidet und Wessenberg auf einen der Bischofsstühle des Reiches erhoben zu sehen (Longner, Beiträge zur Gesch. der oberrheinischen Kirchenprovinz, Tübingen 1863, 342 ff.). Nach Napoleons Sturz sollte der Wiener Congreß dieses Ziel erreichen helfen. Dalberg schickte Wessenberg als seinen Gesandten dorthin, um »für Einleitung einer zweckmäßigen Herstellung und nationalen Einrichtung der deutschen Kirche Mittel und Wege ausfindig zu machen«. In einer Note vom 8. Juni 1815 stellte Wessenberg den Antrag, »daß der katholischen Kirche in Deutschland nebst der freien Religionsübung eine in liegenden Gründen mit dem Rechte der Selbstverwaltung bestehende Dotation ihrer Bisthümer, Theilnehmung an der landständischen Repräsentation durch ihre Vorsteher und eine ihre Rechte sichernde Organisation in der Bundesacte garantirt werde«. Genauer hatte er diesen Gedanken entwickelt in einer Denkschrift vom 27. November 1814 und in dem im April 1815 anonym erschienenen, beachtenswerthen Schriftchen »Die deutsche Kirche. Ein Vorschlag zu ihrer neuen Begründung und Einrichtung«. Darin schildert Wessenberg Eingangs schmerzlich, wie im Frieden von Luneville die Kirche mit ihrem Vermögen auch ihrer Selbständigkeit und Freiheit beraubt wurde. Die Bischöfe, Vicariate und ihre Capitel seien Pensionisten des Staates geworden, der ihre Wirksamkeit nach Gutfinden beschränkt, ihre Rechte bestritten, beschnitten oder aufgehoben habe. Das Placet sei unbeschränkt ausgedehnt und verletzend ausgeführt worden; habe man doch dem Bischofe sogar gesagt, wie er seine Hirtenbriefe ändern solle. Die Domcapitel habe man rechtlos gemacht und aussterben lassen, die Pfründeverleihung habe der Staat an sich gezogen. Der Geistliche sei vom Bischofe losgelöst und zum Polizeidiener des Staates gemacht worden. Auf diese ganz der Wahrheit entsprechende Schilderung stützt nun Wessenberg nicht, wie jedermann erwartet, einen Antrag, daß diese staatlichen Beschränkungen aufhören müssen, sondern er fordert auf den folgenden Blättern den Staat geradezu auf, die Kirche wie bisher so auch in Zukunft zu fesseln; nur soll er ihr Eigenthum geben und ihren Vorstehern einen Platz in der Volksvertretung anweisen; dadurch werde die Kirche, namentlich die Oberhirten, wieder zu Ansehen und Einfluß kommen. Ein Haupterforderniß einer guten Kircheneinrichtung sei, daß sie dem Episcopat gegen die ungebührlichen Anmaßungen und Ansprüche der römischen Curie wirksamen Schutz gewähre. Um das zu erreichen, dürften nicht einzelne Staaten mit dem päpstlichen Stuhle Privatconcordate, sondern der ganze deutsche Bund müsse mit demselben ein einziges Concordat abschließen. An der Spitze der deutschen Kirche müsse ein Primas stehen, der das Band der Einheit unter den Bischöfen befestige, ihre Relation mit Rom unterstütze, ihren Versammlungen präsidire, ihre Gerechtsame vertheidige. Dem Primas solle die Führung des Informativprocesses übertragen werden. Würde der zum bischöflichen Amte Ernannte für würdig befunden, vom Papste aber aus Gründen, die der Religion und der »wesentlichen« Kirchenverfassung fremd sind, nicht bestätigt werden, so könne der Primas ihn bestätigen. Ohne einen solchen Primas würde die deutsche Kirche kaum den Namen einer Nationalkirche verdienen, die deutschen Bischöfe würden zu willenlosen Werkzeugen der Politik des römischen Hofes herabsinken; mit einem Primas dagegen bekomme die deutsche Kirche Einheit und Zusammenhang, Selbständigkeit und Widerstandskraft gegen die Anmaßungen der römischen Curie. Diese allgemeinen Grundzüge sowie die nähere Einrichtung der deutschen Nationalkirche sollten durch ein Gesetz des Staatenbundes festgelegt werden. Das Gesetz würde einen wesentlichen Bestandtheil der Verfassung des deutschen Bundes bilden und dem verfassungsmäßigen Schutze der obersten Bundesbehörde unterstellt sein. Insbesondere müsse den Bischöfen die Befugniß eingeräumt werden, in allen Fällen, wo sie ihre anerkannten Rechte oder die kirchliche Verfassung beeinträchtigt finden, den politischen und richterlichen Schutz der obersten Bundesbehörde anzurufen. Allerdings müsse mit dem römischen Hofe ein Concordat abgeschlossen werden, aber eben hierin müsse man große Klugheit walten lassen. Die Forderungen an den römischen Hof dürfe man nicht so hoch stellen, daß das ganze Geschäft daran scheitern könnte. Es empfehle sich, alle Streitpunkte mit Stillschweigen zu umgehen, von deren Erörterung sich dermalen kein günstiger Erfolg erwarten ließe. Solche Punkte sollten in Deutschland durch ein organisches Gesetz festgelegt werden, ohne daß man dem Papste etwas davon sage. Daher sei es von großer Wichtigkeit, genau zu bestimmen, welche Gegenstände in das Concordat, und welche in das organische Gesetz aufzunehmen seien. Wessenberg legt nun einen Entwurf für beide vor. Der wesentliche Inhalt des Concordatsentwurfes ist folgender. In dem Concordate werden die Bischofssitze bestimmt. Nach demselben zählt jedes Domcapitel 12 Mitglieder; der Bischof ernennt den Vorsteher des Seminars, in welchem sich die Theologie-Candidaten mindestens vier Jahre aufhalten sollen; er hat den ersten Rang unter den Landständen; das Domcapitel ist dort durch den Decan vertreten. Sodann wird das reichlich bemessene Einkommen des Erzbischofs, des Bischofs und der Domcapitulare namhaft gemacht. Das Domcapitel hat für den bischöflichen Stuhl drei Candidaten aufzustellen, aus welchen der Landesherr den Bischof bestimmt; der dem Papste zu schwörende Eid läßt nach der von Wessenberg in Vorschlag gebrachten Formel einem Josephiner volle Freiheit. Der Dompropst wird vom Bischof im Einverständnis mit dem Landesherrn, der Scholaster vom Landesherrn im Einverständniß mit dem Bischof ernannt, der Domdecan durch Stimmenmehrheit des Capitels gewählt. Bei Besetzung aller dieser Stellen muß auf den deutschen Reichsadel so viel wie möglich Rücksicht genommen werden. Nichtadelige Candidaten müssen auf einer deutschen Universität den Doctorgrad erlangt haben. Für Curatpfründen schlägt der Bischof drei Candidaten vor, aus denen der Landesherr einen ernennt. Der Kundmachung bischöflicher Hirtenbriefe und Anordnung soll von den Staatsbehörden kein Hinderniß entgegengesetzt, auch keine Erwähnung der landesfürstlichen Genehmigung gefordert werden, sobald der Inhalt sich auf geistliche Gegenstände beschränkt. Der Papst behält nur die Ehedispensen im ersten Grade der Consanguinität und Schwägerschaft. – In das organische Gesetz will Wessenberg aufgenommen wissen die Befreiung der Theologen von der Militärpflicht, die Fürsorge für kranke, alte und sonst bedürftige Priester, eine Pension von mindestens 500 Gulden oder Unterstützung und Unterhalte eines Vicars, allseitige Einführung der Pastoralconferenzen, Abschaffung der Simultankirchen und jeder cumulatio beneficiorum. Neben diesen guten Vorschlägen sollte das organische Gesetz aber auch festsetzen, keine Bulle, kein Breve, keine Anordnung des Papstes oder päpstlicher Behörden dürfe kundgemacht und vollzogen werden, bevor der Landesherr nach Einvernehmung des Erzbischofs und des Bischofs die Bewilligung dazu ertheilt habe. Diese Anordnung, bemerkt Wessenberg, bleibe noch immer eine nothwendige Maßregel, die aber in Deutschland nur dann den Zweck erreiche, wenn sie für alle deutsche Staaten verbindlich sei. Auch die Bischöfe haben den Entwurf der Hirtenbriefe jeweils der Landesregierung vorzulegen. Ist die Regierung indes von den persönlichen Gesinnungen eines Bischofs ganz versichert, so wird es sie selbst und den Bischof ehren, wenn sie einen noch weit beschränktern Gebrauch vom Placet macht. Kein Mönchsorden darf ohne Bewilligung der Bundesbehörde eingeführt werden. Exemtionen von der ordentlichen bischöflichen Jurisdiction sind unzulässig. In den Frauenklöstern dürfen die Gelübde erst vom 50. Jahre an für immer abgelegt werden, vorher: nur für je 3 Jahre. Ein Legat oder Nuntius hat in Deutschland vor Allem seine Vollmachten der Bundesbehörde vorzuweisen und darf nie in die Befugnisse der Bischöfe eingreifen. Die Rechnungen über die Fonds der Kirche und frommer und milder Stiftungen sollen jährlich in Gegenwart von landesherrlichen und bischöflichen Commissarien abgehört werden. Die Vorsteher und Lehrer der Seminarien werden vom Bischof ernannt, brauchen aber Staatsgenehmigung, und die Landesregierung kann sich jederzeit durch Commissarien von dem Zustand dieser Anstalten unterrichten, Vor der ersten Anstellung schickt jeder Geistliche dem Landesherrn schriftlich eine Versicherung der Treue und das Gelöbniß gewissenhafter Erfüllung der Berufs- und Amtspflichten ein. Der neu ernannte Pfarrer wird in Kirche und Schule von einem bischöflichen und einem landesherrlichen Commissar vorgestellt. Alle neuen geistlichen und milden Stiftungen bedürfen der landesherrlichen und der bischöflichen Bestätigung. Es ist Sache der Bischöfe, das Ritual für den öffentlichen Gottesdienst vorzuschreiben. Zur Errichtung, Trennung und Vereinigung von Pfründen, zur Erbauung neuer Kirchen, Kapellen und zur Bewilligung des Gottesdienstes darin ist die Genehmigung des Staates nöthig. Alle 3 Jahre findet eine Diöcesan-, alle 10 Jahre eine Provinzialsynode statt. – Sehr wahr sagte Weihbischof Zirkel von Würzburg über »die deutsche Kirche« Wessenbergs: »Dieser Vorschlag enthält alle Elemente, die katholische Kirche in Deutschland aufzulösen und nur ein Schattenbild von ihr zurückzulassen. Sie wird darin von ihrem Fundament Christus hinweggerückt und zu einer bloß weltlichen Anstalt gemacht, das bischöfliche Amt in ein durchaus subalternes Verhältniß gesetzt, die hierarchische Gewalt gelähmt, und das Band, welches die Gläubigen mit Petrus verbindet, auf’s Äußerste gelockert, wenn nicht gar gelöst.« Der Vorschlag, nach dem Vorbilde Napoleons mit dem Papste ein Concordat abzuschließen und dasselbe nachher durch ein organisches Gesetz unwirksam zu machen, war gleichbedeutend damit, die Treulosigkeit zur Basis der Unterhandlungen mit dem Oberhaupte der Kirche zu machen. – Um die Aufnahme des die Nationalkirche betreffenden Artikels in die Bundesacte durchzusetzen, sparte Wessenberg keine Anstrengung, und der abgesagte Feind aller kirchlichen Orden wies die Mitglieder des Congresses auf die große Gefahr hin, welche von Seiten des wiederhergestellten Jesuitenordens dem Staate und der Kirche drohe. Die Grundsätze dieses Ordens, führte er aus, seien so beschaffen, daß sie unvermeidlich die christliche Glaubens- und Sittenlehre verderbten. Mit seinem Kirchenrechte könne keine wahre obrigkeitliche Gewalt, keine Selbständigkeit der Staatsregierung bestehen. Dieser Orden sei die mächtigste und gefährlichste geheime Gesellschaft. Allein auch die Gegner der Nationalkirche, von dem einflußreichen Redemtoristen Clemens Maria Hoffbauer (s. d. Art.) berathen, waren nicht müßig, und der Kronprinz Ludwig von Bayern setzte es durch, daß der Artikel in den Beschlüssen des Congresses fiel (J. B. v. Weiß, Weltgesch. XXII, Graz 1898, 879 ff.). Dagegen wurde Wessenberg von den meisten Delegirten des Congresses die Zusage gegeben, daß in Frankfurt, am Sitze des Bundestages, auch die kirchlichen Verhältnisse Deutschlands behandelt werden sollten. Von Dalberg deßhalb nach Frankfurt abgeordnet, um für eine neue Begründung der Kirche Sorge zu tragen, bot Wessenberg in zwei Denkschriften und in mündlichem Verkehr das Äußerste auf, um die Regierungen zu gemeinsamem Handeln in der Kirchenangelegenheit zu bewegen und mit Rom nur über das Allernothwendigste zu verhandeln. Allein auch hier vermochte er Bayern nicht umzustimmen.

Am 10. Februar 1817 starb Dalberg in Regensburg. Sieben Tage später wählte das Domcapitel in Konstanz Wessenberg einstimmig zum Capitularvicar und suchte beim heiligen Stuhl um Genehmigung der Wahl nach. Jetzt war für Rom die Zeit zu reden gekommen. In einem Breve vom 15. März 1817 wurde die Genehmigung mit dem Beifügen versagt: »Wir erkennen v. Wessenberg als Capitularvicar und Anton Reininger als dessen Stellvertreter durchaus nicht an, noch werden unsere geistlichen Gerichte sie anerkennen oder auf Schreiben von ihnen je die mindeste Rücksicht nehmen«, und: »Wir befehlen euch, einen Capitularvicar zu wählen, der in gutem Rufe bei den Katholiken steht und die Pflichten des ihm anvertrauten Amtes recht und genau zu erfüllen im Stande ist.« Wessenberg, der sich eben in Karlsruhe aufhielt, um »angemessene Maßregeln zur Berichtigung der kirchlichen Angelegenheiten des Großherzogthums zu begehren«, ließ das Domcapitel wissen, er sei sich keiner Schuld bewußt, und die Verwerfung seiner Wahl sei ohne Genehmigung der Staatsbehörde ohnehin nichtig. Er konnte dabei auf eine allerhöchste Verfügung hinweisen, welche das Breve in Baden für unwirksam erklärte. Um den ausgebrochenen Conflict gütlich und rasch beizulegen, sandte der Papst den Nuntius von Luzern, Karl Zea, mit einem Breve vom 20. Mai 1817 nach Karlsruhe und bat unter motivirter Darlegung seines Verfahrens, der Großherzog möge seinen Beistand leihen, damit das Capitel frei einen andern Vicar wählen könne. Allein von Wessenbergs Freunden berathen, schrieb der Großherzog dem Papste am 16. Juni zurück: er werde sich dem Vollzuge des Breve, das die Wahl Wessenbergs zum Capitularvicar verwerfe, mit seinem ganzen Ansehen widersetzen. Gleichzeitig wurde dem Ordinariat, dem Clerus und den Staatsbehörden befohlen, Wessenberg als Capitularvicar anzusehen und zu behandeln. Von Konstanz erhielt der Clerus die Weisung, da das päpstliche Breve der Form und dem Inhalte nach irregulär sei, so werde befohlen, Wessenberg als Bisthumsverweser anzuerkennen. Nun eröffnete Wessenberg den auffallenden Entschluß, »sich selbst nach Rom zu begeben, theils um Sr. päpstl. Helligkeit seine persönliche Ehrfurcht zu bezeigen, theils um über die ihm unbekannten Anschuldigungen ehrerbietigste Aufklärungen zu ertheilen« (Denkschrift S. XV). Er werde durch persönliches, unerschrockenes Auftreten daselbst seine Schuldlosigkeit beweisen und fordern, daß man ihm die ausführliche Anklageacte vor Augen lege, damit er sich vor aller Welt darüber aussprechen könne. Zum Voraus sei er sich bewußt, daß diese Acte lauter Angaben enthalte, die entweder auf Entstellung des wahren Sachverhaltes beruhten, oder dazu dienen würden, den Geist der Anmaßung des römischen Hofes und seiner Organe in’s hellste Licht zu setzen (Longner 205). Mit einem Empfehlungsschreiben des Großherzogs versehen und von dem Geistl. Rath Dr. Burg begleitet, kam Wessenberg am 18. Juli 1817 in Rom an. Bald folgte eine von 41 Geistlichen der Diöcese, meistens Decanen, unterzeichnete Adresse: sie erwarteten, daß Wessenberg mit der Mitra geschmückt zurückkehre; nur so könne die Schmach wieder getilgt werden, womit man seinen Namen befleckt habe. Von dem Cardinal-Staatssecretär Consalvi wohlwollend empfangen, wurde Wessenberg bedeutet, in den Archiven liege eine solche Menge von Anschuldigungen, und es liefen deren täglich noch so viele neue ein, daß es eine weitläufige Arbeit erfordere, um auch nur die wichtigeren zusammenzustellen. In einer Note vom 2. September theilte Consalvi ihm die Anklagepunkte mit. Sie umfaßten alle oben angeführten und noch mehrere andere Verstöße wider die Lehre und das kirchliche Recht, welche er sich in Schriften oder in der Verwaltung der Diöcese hatte zu Schulden kommen lassen. In der Hauptsache aber handelte es sich in dieser ersten und den zwei folgenden Noten um die doppelte Forderung, daß Wessenberg 1. aus Ehrfurcht gegen den heiligen Stuhl sein Amt als Capitelsvicar und Bisthumsverweser niederlege und 2. in einer allgemein gehaltenen Erklärung Reue über sein bisheriges Verhalten und die dadurch herbeigeführten Irrungen mit Rom ausdrücke. »Unter dieser Voraussetzung«, sagt Niebuhr, »wünschten Pius VII. und Consalvi den Streitfall auch zur Zufriedenheit Wessenbergs beilegen zu können.« In drei Antwortschreiben suchte Wessenberg seine Schuldlosigkeit darzuthun. In Betreff der einzelnen Klagepunkte sollte, obgleich Wessenberg unterzeichnet hatte, der Bischof Manches gethan haben, Anderes das Capitel, Anderes war von den Staatsgesetzen, Anderes vom Verlangen nach Frieden gefordert. Coopers Briefe (s. ob. Sp. 1350) wollte Wessenberg nicht gelesen haben, die Dispensen vom Gelübde der Keuschheit fand er in der heiligen Schrift begründet, das Schriftchen von der deutschen Kirche sei nicht kirchlich gutgeheißen; was der heilige Stuhl ein entscheidendes Urtheil über Deresers Lehre nenne, habe er als eine Aufforderung an den Erzbischof von Köln angesehen, die Lehre Deresers zu untersuchen; die in der lateinischen Kirche üblichen Gebräuche habe er nicht umgeändert, sondern habe nur den Priestern empfohlen, dieselben durch Beifügung einiger Worte der Ermahnung und einiger Gebete lehrreicher und erbaulicher zu machen u. s. w. Aber auch nicht in einem einzigen Falle gab Wessenberg einen Irrthum zu, und so schonend und allgemein die Formeln des Widerrufes lauteten, welche Consalvi vorschlug, Wessenberg ging auf keine ein. Ebenso hartnäckig blieb er gegenüber der Forderung, das Amt des Capitelsvicars niederzulegen. Er sei persönlich in Rom erschienen, er habe sich provisorisch aller persönlichen Ausübung der Bisthumsverwaltung enthalten; er habe unmöglich seine kindliche Ehrfurcht gegen die geheiligte Person des Papstes auf eine mehr augenscheinliche Art beweisen können. Der Papst ließ sich durch eine solche Erklärung nicht betrügen, auch nicht durch eine zweite: Wessenberg bekenne einen vollkommenen Gehorsam für die katholische Kirche, er unterwerfe mit gänzlicher Verläugnung aller Eigenliebe seine ganze Handlungsweise dem Urtheile der Kirche und ihres Oberhauptes. Mit Recht konnte der heilige Vater darauf erwidern: Mit Worten bezeige Wessenberg kindliche Unterwürfigkeit gegen den heiligen Stuhl; in der That aber beharre er in dem Widerstreben gegen den ausdrücklichen Willen des Papstes, indem er sein Amt unrechtmäßig beibehalte und keine Spur der Mißbilligung seiner Irrthümer zeige. – Wessenberg glaubte nun seinen nächsten Zweck erreicht, den anmaßenden Geist des römischen Hofes und seiner Organe in’s hellste Licht gestellt zu haben, und deßhalb brach er ab. Er glaube – das ist der Sinn seiner letzten Kundgebung in Rom – den Verpflichtungen gegen das Oberhaupt der Kirche genügt zu haben; er habe aber auch Verpflichtungen gegen seinen Landesherrn, das Domcapitel, die Geistlichkeit des Bisthums Konstanz und gegen Deutschland überhaupt. Darum kehre er nach Karlsruhe zu seinem Landesherrn zurück, welchem es nunmehr zukomme, das zu thun, was er für angemessen erachten werde (Denkschrift, Beilagen). Wenn aber Wessenberg in Rom sich nicht unterwerfen wollte, so ist die Frage berechtigt, was er dann mit seiner Reise bezweckte. Seit Dalbergs Tod ging sein Streben dahin, sich selbst als Primas an die Spitze der deutschen Nationalkirche zu stellen; dem sollte auch die Reise nach Rom dienen. Wessenberg klagte, die Diplomatie bringe der Neubegründung der deutschen Kirche kein Interesse entgegen; sie müsse durch die Macht der öffentlichen Meinung gedrängt werden. Roms Verfahren habe die öffentliche Meinung zu Wessenbergs Gunsten in Bewegung gesetzt. Wenn er nun in Rom selbst die Anklageacte verlange, seine Schuldlosigkeit darthue und die Anmaßung des römischen Hofes vor aller Welt klarstelle, dann werde die öffentliche Meinung zu einer Macht anwachsen, welche auch die Diplomatie mit fortreißen und die Kirchenfrage in Deutschland so entscheiden werde, wie das Wohl der Gesellschaft es fordere (Longner 204 ff.). Daß Wessenberg Primas der deutschen Nationalkirche werden würde, war auch die ausgesprochene Hoffnung der Gegner Roms in Deutschland. Die Weimarer Zeitschrift »Opposition« hatte sich schon längst in diesem Sinne geäußert (Denkschrift 51). Und eben als sich Wessenberg nach Rom begab, war dort (Juli 1817) wieder zu lesen: »Man soll zum Patriarchen Deutschlands einen Mann nehmen, den Rom am meisten verfolgt, und den die öffentliche Meinung dazu bezeichnet. Ihn zu nennen würde überflüssig sein«, und gerade deßwegen, weil er den Befehlen des päpstlichen Stuhles widerstrebe, »lieben und achten alle Guten in Deutschland den edlen Wessenberg. Katholiken und Protestanten sind hierüber einer Meinung. Denn wir sind Alle Christen, und die Vernunft ist die einzige Auslegerin der Bibel, nicht aber der römische Bischof. Jeder annähernde demüthige Schritt würde Erniedrigung sein und denjenigen zu Fall bringen, auf den die Augen Deutschlands, ja Europa’s gerichtet sind.« Zu demselben Zwecke, die öffentliche Meinung zu Gunsten Wessenbergs in Bewegung zu setzen, unternahm nach Wessenbergs Rückkehr auch die badische Regierung einen Schritt: sie gab eine »Denkschrift über das Verfahren des römischen Hofes bei der Ernennung des Generalvicars Freiherr v. Wessenberg zum Nachfolger im Bistum Konstanz« mit den dazu gehörigen Actenstücken heraus und übersandte dieselbe an die Höfe und Regierungen der deutschen Bundesstaaten, an den Bundestag in Frankfurt und an die Decane der Diöcese Konstanz. Wessenberg und seine Freunde waren voll der zuversichtlichen Hoffnung, daß sich, kraft der Klugheit und Festigkeit des Bisthumsverwesers, in Rom Alles noch ihren Wünschen fügen müsse. In Freiburg veranstalteten in Wessenbergs Anwesenheit Geistlichkeit, Universität und Magistrat rauschende Huldigungen; in Feldkirch, dem Wessenberg’schen Familienstammgute, in Kirchhofen wurde der kommende Primas in feierlichem Aufzuge mit Glockengeläute und Böllersalven empfangen und in St. Trudpert dazu noch mit einer Medaille geschmückt, welche die stolzen Worte trug: Angelo Ecclesiae Germanicae laetans et gratus Clerus Brisgoviensis. 11. Jul. 1818. Vom Großherzog beauftragt, die Kirchenverwaltung im bisherigen Geiste fortzuführen, kehrte Wessenberg im Spätherbst 1818 wieder nach Konstanz zurück. Dort unterwarf er sein Schriftchen »Die deutsche Kirche« einer Umarbeitung und Erweiterung und ließ dasselbe unter dem Titel »Betrachtungen über die Verhältnisse der katholischen Kirche im Umfange deutschen Bundes«, Karlsruhe 1818, erscheinen. Es sollte den Frankfurter Verhandlungen über die Neuregelung der kirchlichen Verhältnisse als Leitstern dienen. Diese Verhandlungen waren bereits am 24. März 1818 eröffnet worden und wurden genau auf der von Wessenberg erneut vorgeschlagenen Grundlage der Doppelzüngigkeit geführt und fortwährend von seinen Fingerzeigen beeinflußt. In freudiger Stimmung schrieb er am 4. Juli 1820 an Dr. Fridolin Huber, er sei in Frankfurt gewesen, und in der für die Kirchensachen bestellten Commission herrsche volle Eintracht und Zusammenstimmung in den Grundsätzen und Hauptansichten (Wessenb. Bibl. Fasc. 86, n. 114). Über den weitern Verlauf dieser Verhandlungen ist der Art. Oberrheinische Kirchenprovinz zu vergleichen.

Durch die Bulle Provida sollersque vom 16. August 1821, welche die uralte Diöcese Konstanz aufhob und das Erzbisthum Freiburg mit seinen vier Suffraganbisthümern Rottenburg, Mainz, Limburg und Fulda als oberrheinische Kirchenprovinz errichtete, erlitten die hochfliegenden Pläne Wessenbergs eine große Ernüchterung. Der Traum der deutschen Nationalkirche mit dem Primas an der Spitze löste sich in Nebel auf. Das Verhalten Wessenbergs 1817 gegenüber dem heiligen Stuhle hatte sich als verfehlte Taktik erwiesen, und er selbst hatte dadurch seine Sache nicht bloß bei dem heiligen Stuhle verdorben, sondern auch in diplomatischen Kreisen einen sehr ungünstigen Eindruck gemacht. Der preußische Gesandte v. Niebuhr sagt darüber in einem Bericht vom 3. Januar 1818: Daß Wessenberg unausgesöhnt Rom verließ, »würde ich keineswegs bedauern, wenn er ein anderer Mann wäre, und wenn möglicherweise die Reformation der katholischen Kirche in Deutschland, welche zu einem bischöflichen Protestantismus führen müßte, von seinem Bruche mit Rom ausgehen könnte«. Allein es ist »meine Pflicht, zu sagen, daß er tief unter einem solchen Berufe ist. Zu einem solchen Werke hat er weder Verstand, noch Kenntniß, noch Charakterwürde« (Longner 207 ff.). Dieses Urtheil über Wessenberg ist in Berlin maßgebend und nicht ohne Rückwirkung auf Karlsruhe geblieben. Der Großherzog Karl war am 18. December 1818 gestorben, und sein Nachfolger Ludwig war Wessenberg weniger geneigt. Zwar hielt auch er an dem Manutenenzdecret Karls einstweilen fest, und so regierte Wessenberg zunächst als Capitelsvicar und Bisthumsverweser und nach Auflösung des Capitels durch die Bulle Provida sollersque als Generalvicar weiter. Aber je mehr die Verhandlungen mit Rom voranschritten, desto mehr wurde es der Regierung klar, daß sie sich mit dem Manutenenzdecret in eine Sackgasse begeben hatte. Trotz alledem machte Wessenberg, auch von den Schmeicheleien seiner Anhänger berückt, sich ernste Hoffnung, bei der nun mit großem Eifer betriebenen Besetzung der bischöflichen Stühle nicht leer auszugehen. Zwar hatte er am 23. Januar 1822 seinem Vertrauensmanne Dr. Burg die an die badische Regierung gerichtete Erklärung übergeben, daß er »zur Erleichterung dieser erwünschten Ausführung seine persönlichen Verhältnisse ganz und völlig den Erfordernissen der neuen Kircheneinrichtung unterordne«. Aber wie wenig er damit im Sinne hatte, auf die Mitra zu verzichten, zeigt seine Correspondenz mit Burg im Februar 1822. Hier klammert er sich an den Gedanken fest, die Consequenz des Manutenenzdecretes erfordere, daß die Regierung ihn auf den erzbischöflichen Stuhl erhebe. Da bereits verlautete, Rotteck werde diese Frage im gleichen Sinne in der Kammer zur Sprache bringen, so war die Regierung in nicht geringer Verlegenheit. Aber der nie verlegene Burg wußte Rath. Er gab in seiner Antwort vom 18. Februar 1822 Wessenberg zu bedenken: »eine so wichtige Angelegenheit, von der Ihre persönliche Glückseligkeit hauptsächlich abhängt, darf nicht erzwungen werden wollen«, und machte folgenden Vorschlag. Eben jetzt würden die Vicariatsräthe, die bischöflichen und landesherrlichen Decane aufgefordert, drei Geistliche aus der Erzdiöcese für den erzbischöflichen Stuhl in Vorschlag zu bringen. Ohne Zweifel werde Wessenberg die absolute Mehrheit der Stimmen erhalten; der Großherzog selbst werde ihm in einem Cabinetsschreiben anzeigen, Wessenberg sei der erwählte Erzbischof. Darauf werde Wessenberg etwas speciöser und bedingter als am 22. Januar erklären, er erkenne auf’s Neue das volle Zutrauen der Regierung und der Clerisei, woran er eigentlich nie habe zweifeln können. Da die vereinigten Regierungen aber eine rasche Besetzung der bischöflichen Stühle wünschten und seine persönlichen, noch immer nicht entschiedenen Beziehungen zu Rom eine Verzögerung im Gefolge hätten, so bringe Wessenberg seine Person der Sache zum Opfer, fordere aber, daß der künftige Erzbischof es zum ersten Geschäfte seines Amtes mache, die beim römischen Hofe angebrachten Beschwerden gegen Wessenberg nach den canonischen Rechten zur Entscheidung zu bringen und Wessenberg die schuldige Genugthuung zu verschaffen. So wird, sagt Burg, weder die Mit- noch die Nachwelt uns eine nachtheilige Inconsequenz vorwerfen können, und was der Gegenwart unmöglich ist, wird die Zukunft leisten können. Am 11. März wurden die Vota geöffnet; Wessenberg hatte 65, Burg 59, Wanker 26, Vicari 20 Stimmen. Gleichzeitig hatte Wessenberg in Würtemberg eine annähernd gleiche Zahl von Stimmen für den bischöflichen Stuhl von Rottenburg erhalten. Dort machte wirklich der König einen Versuch, die persönlichen Angelegenheiten Wessenbergs mit dem heiligen Stuhle zu schlichten, aber die Bestätigung war nicht zu erlangen (Wessenb. Bibl. Fasc. 88, n. 1. 2. 10. 11. 13). Damit gingen alle die großen Hoffnungen und Befürchtungen, die sich an den Namen Wessenberg geknüpft, zu Grabe. Da die Besetzung des erzbischöflichen Stuhles sich noch bis 1827 verzögerte (s. d. Art. Oberrheinische Kirchenprovinz), so leitete Wessenberg bis dorthin das Generalvicariat Konstanz. Am 21. October 1827 nahm er Abschied von Clerus und Volk. Er trete, sagte er, von dem »ihm bisher anvertrauten« Hirtenamt zurück. Noch kurz vor seinem Erlöschen habe das Bisthum Konstanz »einige den religiösen Sinn belebender Strahlen« ausgesendet. Alle seien seine Zeugen, »ob er jemals einen andern Grund zu legen gesucht, als den gelegt hat Christus der Gekreuzigte«. Die sparsame badische Regierung bewilligte ihm aus dem reichen säcularisirten Kirchengut einen jährlichen Ruhegehalt von 1400 Gulden. – Im letzten Band des Pastoralarchivs wirft Wessenberg einen Rückblick auf das Wirken und die Erfolge der Pastoralconferenzen. Er findet, der Zustand der Seelsorge habe sich in dieser Zeit in mancher Hinsicht verbessert. Die öffentliche Gottesverehrung habe eine würdigere Gestalt bekommen, Anbetung im Geist und in der Wahrheit sei durch viele Anstalten gefördert worden. Das Wort Gottes werde fleißiger verkündet. Die würdige Feier der Sonn- und Festtage habe wesentlich gewonnen »durch erbauliche Beschränkung und Einrichtung der Bittgänge«, »durch Beseitigung der Anlässe, die dem fleißigern Besuche des eigenen Pfarrgottesdienstes hinderlich waren«. »Der geisttödtende Mechanismus« habe durch die deutsche Sprache einer freudigern und erbauendern Anbetung Platz machen müssen. »Der heilbringende Empfang der Sacramente der Buße und des Altars« sei durch Wegräumung der Concurse, durch liturgische Feierlichkeit, durch Abtheilung in Klassen wirksam befördert. Auch bei den übrigen Sacramenten hätten Verständniß und Erbaulichkeit des kirchlichen Ritus durch Gebrauch der deutschen Sprache Zuwachs erhalten. Der Beifall des frommen christlichen Volkes sei Beweis für die Vortrefflichkeit dieser liturgischen Verbesserung. Aber von dieser selbstgefälligen Schilderung war die Wirklichkeit weit entfernt. Das lebenspendende Herz der katholischen Liturgie, das Opfer der heiligen Messe, war unter Wessenberg’schem Regiment bei den Geistlichen in Verachtung gekommen; viele Priester lasen selten während der Woche die heilige Messe; die Nothwendigkeit der Gnade war so viel wie geläugnet worden. »Die liturgische Beicht« wurde den Geistlichen eine bequeme Brücke zur allgemeinen Beicht. Die Mehrzahl behielt die Ohrenbeicht noch bei, begnügte sich aber mit der Anklage: »Ich habe gesündigt in Gedanken, Worten und Werken«. Conferenzen beschlossen, nur da noch Bußen aufzuerlegen, wo das Volk für Besseres noch nicht reif sei. Es gab auch Pfarrer, welche von der Kanzel aus die Absolution ertheilten. Planmäßig wurde darauf hingewirkt, die heiligen Sacramente der Buße und des Altars nur einmal im Jahre zu empfangen. Kranke wurden außer bei Spendung der Sterbesacramente nicht besucht. Das alles wußte Wessenberg; er verkündete selbst im Pastoralarchiv solche Grundsätze und Praktiken, ohne ein Wort dagegen einzuwenden (Pastoralarchiv 1825, I, 162; 1826, I, 269 u. a. m.). Die Predigt sollte jetzt Alles thun. Aber auch diese Predigt war von ihrem übernatürlichen Glaubensfundament herabgehoben, zu einem öden, moralisirenden Raisonnement herabgesunken, wenn sie nicht etwa gegen den »Aberglauben«, die Wallfahrten, den Rosenkranz, die Bruderschaften etc. und gegen alle die Gebräuche und Andachten loszog, an welchen das gläubige Volk hing, weil sie seinen im Glauben wurzelnden Bedürfnissen entgegenkamen. So sehr Wessenberg auf das Predigen drang, kam es bei jüngeren Geistlichen doch nicht selten vor, daß sie die Predigt herablasen. Überhaupt »verrichteten die Geistlichen häufig mit sichtbarem Widerwillen, Zerstreuung und Schlendrian ihre Functionen, wobei das Volk über Lauigkeit klagte und sagte: Man sieht es ihnen an, daß sie nichts glauben« (Pastoralarchiv 1825, II, 45). Eine so geartete, 25 Jahre dauernde Leitung der Kirche mußte den katholischen Glauben und das religiöse Leben auf’s Schwerste schädigen. Als Wessenberg das Generalvicariat niederlegte, hatte Gleichgültigkeit gegen Glauben und Religion, Vernachlässigung ihrer Übung und Bethätigung in weiten Kreisen des katholischen Volkes furchtbare Verheerungen angerichtet, die selbst bis heute noch nicht ausgeglichen werden konnten. Gerade in solchen Gemeinden, wo am genauesten und längsten in Wessenberg’schem Geiste pastorirt wurde, war am meisten über Entheiligung der Sonn- und Feiertage, über Vernachlässigung und Geringschätzung des Gottesdienstes, über Fernbleiben von den heiligen Sacramenten der Buße und des Altars zu klagen. Am wenigsten Anklang hatten die Wessenberg’schen Neuerungen auf dem südlichen Schwarzwald gefunden. Die äußerst conservative Veranlagung des Volkes und die Nähe des Klosters Einsiedeln sind stärker gewesen als der Ansturm der Aufklärung. Doch ist auch hier das ärgerlich Treiben der neuerungssüchtigen Geistlichen Anlaß geworden, daß die Salpeterer (s. d. Art.), bisher bloß eine Partei politischer Sonderlinge, nun auch der »vom Papste abgefallenen und lutherisch gewordenen« Kirche den Rücken kehrten und zur religiösen Secte wurden. Im nördlichen Theile des Fürstenthums Sigmaringen-Hechingen entstanden auch unter den Katholiken in nicht unbeträchtlicher Anzahl Vereine von Pietisten und Separatisten. »Sie glauben, bei fleißiger Lesung der heiligen Schrift nicht nur mit jedem Geistlichen in ihrer Einsicht sich messen zu dürfen, sondern rühmen sich wohl gar einer Überlegenheit, weil auch beim Anfange des Christenthums der heilige Geist nicht so fast Gelehrten, sondern Ungelehrten zu Theil wurde, um Werkzeuge zur Verbreitung der Religion zu werden.« Anfangs nur Wenige, wurden sie von Katholiken vielfach ausgelacht, aber von protestantischen Pietisten gelobt, besucht, ermuthigt und zu Gegenbesuchen veranlaßt. Sie erhielten von denselben auch Tractätlein, welche von der innern Kirche redeten ohne alle äußere Anstalt außer der Bibel. So glaubten sie sich bald zum Lehramt bei den Katholiken berufen und zogen viele auf ihre Seite. Gegen Belehrung ihrer Seelsorger halsstarrig geworden, legten sie die Bibel nach ihrem Gutdünken aus und waren gegen Lehre, gottesdienstliche Einrichtungen und Heilsmittel gleichgültig, wozu sie nicht undeutliche Winke in der Bibel zu finden glaubten (Pastoralarchiv 1822, I, 117 ff.). Auch in den an Würtemberg gefallenen Theilen der Konstanzer Diöcese trieb das von Wessenberg eingeführte Bibellesen ähnliche Früchte. Wessenbergs intimer Freund Dr. Fridolin Huber, Pfarrer von Deißlingen bei Rottweil, sagt hierüber: »Unter dem gemeinen Volke sind die fleißigen Bibelleser in der Regel die absurdesten, abgeschmacktesten, unausstehlichsten Menschen. Kein Vernünftiger kann sie ohne Unwillen und Ekel über die heilige Schrift raisonniren hören; es wäre besser, wenn sie gar nichts davon wüßten« (Vertheidigung der kathol. Religion gegen Angriffe neuer Zeit, Frankfurt 1826, 101). Auf die nämlichen Abwege gerieth der aufgeklärte katholische Priester Henhöfer (s. d. Art.) in Mühlhausen bei Pforzheim. Sein Abfall wurde von Wessenberg und seinen Freunden als eine schwere Gefährdung der Aufklärung beim katholischen Volke empfunden. Deßhalb schrieb jetzt, von Wessenberg veranlaßt, Huber das eben genannte Buch, um den angeblich großen Unterschied zwischen Henhöfer’scher und Wessenberg’scher Aufklärung zur Anschauung zu bringen. Schon drei Jahre früher hatte Wessenberg selbst aus ähnlichen Anlässen in das Pastoralarchiv eine Abhandlung über Schwärmerei geschrieben. Darin heißt es: »Wodurch wurden die Christen an manchen Orten zuerst veranlaßt, die öffentlichen religiösen Versammlungen zu meiden und zu Privatvereinen oder zu dem sogen. häuslichen Gottesdienst Zuflucht zu nehmen? Meistens, weil der kirchliche Vortrag, der öffentliche Unterricht Geist und Herz unbefriedigt ließ« – »oder weil er sich darauf einschränkte, was jeden nicht ganz Stumpfsinnigen die gesunde Vernunft lehrt, mit Umgehung der positiven Aufschlüsse der Offenbarung.« Hier streift Wessenberg wenigstens theilweise die richtige Fährte. Consequent verfolgt, hätte dieser Gedanke ihn veranlassen müssen zu prüfen, ob seine eigene kirchliche Richtung nicht eben an diesem und ähnlichen Schäden kranke. Aber wie weit er von so heilsamer Selbsterkenntnis entfernt war, zeigt das Wort: »Das Ansehen der Kirche ist allerdings auch ein wirksames Bollwerk gegen die Schwärmerei. Um es aber heutzutage zu befestigen, muß es nicht auf Sophismen und isidorischen Decretalen, sondern auf Gottes Wort begründet werden« (Pastoralarchiv 1823, I, 301 ff.). Zehn Jahre später erschien seine Schrift: Hist.-philosophische Betrachtungen über Schwärmerei, Heilbronn 1833. Was die Behandlung solcher Pietisten und Separatisten betrifft, so empfahl Wessenberg durch Aufnahme in das Pastoralarchiv (1822, I, 111) folgende Vorschläge: Der Pfarrer solle sich selbst an die Spitze der Conventikel stellen und sie nach seiner bessern Einsicht leiten. So habe es die Kirche selbst gethan gegenüber den früheren Pietisten, »den Söhnen Dominiks und Franzens«. »Solche Dinge wurden von der Kirche nie allgemein autorisirt, sondern theils ignorirt, theils tolerirt.« Trennten sie sich dennoch, »so bedauere der Pfarrer ihren pietistischen Unsinn, tolerire sie in Liebe, rede nicht ein Wort gegen ihre Umtriebe: es sei ihm Trost, daß sie die Bibel als ihr Gesetzbuch betrachten, in derselben forschen und an Jesus glauben: ‚an der Schlacke hängt das Goldkorn’«. – Das schwerste Ärgerniß gab der Wessenberg’sche Clerus dem Volke in sittlicher Hinsicht. Im J. 1817 klagt eine mit I. S. (Ignaz Speckle) unterzeichnete Broschüre (v. Wessenberg und das päpstliche Breve, von Dr. Fridolin Huber. Gelesen und erwogen von einem Freund der Wahrheit, o. O. 1817): »Die Ausschweifungen der jüngeren Priester sind zu bedauern: sie erfüllen die Welt mit Ärgernissen und halten es mit der Welt. Modesucht, Freiheit im Wandel, Schwelgereien, Caressen, Vergnügungslust beherrschen den Geist dieser Weltgeistlichen.« »Einige von ihnen sind so vielfarbig und eitel, daß man kein Zeichen der Geistlichkeit an ihnen wahrnimmt, Andere so schmutzig und gleichgültig, selbst in Ausspendung der heiligen Sacramente, daß unlängst zwei Bauern von ihrem Seelsorgen sagten, er habe einen Kranken im Laxirkittel versehen.« »Das Ärgste ist, daß man auch Männer von Ansehen sieht, die nicht mehr unter dem Scheffel sitzen, sondern, auf den Leuchter gestellt, Anderen leuchten sollen. Man sieht sie mit Anderen die Schenken besuchen oder in Wirthshäusern trotz den Weltlichen sich lustig machen; man sieht sie ohne Rücksicht auf das Verbot der Kirche an den Freitagen und anderen gebotenen Fast- und Abstinenztagen Fleisch essen, und das heißen sie Geistesfreiheit; die es nicht thun, werden von ihnen als Ängstler und Obscuranten betrachtet, während das noch religiöse Volk sich an ihnen ärgert.« Es wäre ungerecht, Wessenberg alleine für solche traurigen Zustände im Clerus verantwortlich zu machen. Einen großen Theil der Schuld trugen neben Anderem die Studienanstalten. In den Mittelschulen, heißt es in einer Erwiderung auf eine Umfrage, warum sich so wenig junge Leute dem Studium der Theologie zuwenden (Pastoralarchiv 1817, II, 29 ff.), herrsche ein ganz weltlicher Geist. Wohl seien die Lehrer Geistliche, aber meistentheils weltlicher Gesinnung. Nicht selten hörten die Studenten aus deren Munde die gröbsten Verleumdungen und Verwünschungen ihres Standes. Sie würden mit üppiger Lectüre beschäftigt, wodurch die Phantasie verdorben und die gefährlichsten Triebe geweckt werden. Das Theater setze dieser Erziehung die Krone auf. »Es ist nicht selten, daß man Gymnasiasten mit großer Verachtung von der Offenbarung und ihren heiligen Urkunden, von der Kirche und ihren beseligenden Anstalten absprechen hört, wozu sie durch ihre eigenen Lehrer angeleitet wurden.« So vorbereitet kamen die jungen Leute an die Universität. »Unter dem Vorwande, die Dogmen von den Schulmeinungen zu unterscheiden, werden da nicht selten die gewagtesten Sätze aufgestellt, für wesentlich gehaltene oder wirklich wesentliche Lehren als unhaltbar dargestellt, ganze Bücher der heiligen Schrift als unächt erklärt, der Character biblischer Personen mittels willkürlicher Hypothesen in schiefes Licht gerückt und so das Ansehen der Kirche selbst untergraben.« Dazu wurde die Ehelosigkeit den Studenten vom Katheder herab als vernunftwidrig, unhaltbar, unnatürlich hingestellt. So gerieth mancher Theologie-Student in Sünde und Laster und kam grundverdorben in das Seminar. Freilich that Wessenberg sein Möglichstes, um diesen Mißständen zu begegnen. Gerade in den Jahren 1817 und 1818 ließ er sich eine große Zahl von Gutachten erstatten und beantragte auf dem Landtage 1819 die Errichtung eines theologischen Convictes; aber von Rotteck bekämpft, fiel der Antrag. Für die Priesteramtscandidaten in Meersburg und die bereits geweihten Priester hat Wessenberg sehr vieles gethan, was zur Beförderung guter Sitten dienen konnte: »er warnte, strafte, schrieb Regeln und Grundsätze, nach denen die Priester ihren Wandel inner und außer der Kirche und besonders in Hinsicht der Kleidung einrichten sollten« (Ignaz Speckle [s. ob.]). Allein auch hier sollte das Wort, die Predigt wieder Alles thun; Wessenberg wollte seine aufgeklärten Seminaristen und Priester mit Aufklärung heilen, den Teufel mit Beelzebub austreiben, und darum blieb Alles ohne Wirkung. Noch in seinem Schlußworte (Pastoralarchiv 1827, I, 1 ff.) klagt er über Mißbräuche, die zu Verdächtigung und Lästerung Anlaß geben; er nennt die Gewohnheit des Wirthshausbesuches, die Theilnahme an rohen Volksbelustigungen und an solchen Vergnügen, die auffallend Weltgeist verrathen; er mahnt, daß jeder seinem Hauswesen vorstehe mit weisem Ernst, mit aller Zucht und Ehrbarkeit. Zu dieser letzten Mahnung lagen besonders dringende Gründe vor. Es war natürlich, daß unter solchen Umständen das Ansehen des Clerus in allen Schichten der Bevölkerung tief gesunken war. Als die Pastoralconferenzen seit Mitte der zwanziger Jahre erwogen, wie dieses Ansehen wieder gehoben werden könne, konnte es niemand überraschen, daß die Aufhebung des Cölibates auch hier in Vorschlag gebracht wurde. Der Generalvicar selbst war nie anderer Meinung gewesen. Schon 1805 hatte er »Privatgedanken« darüber aufgezeichnet. Die Ausbreitung des Vernunftgebrauches und philosophischen Geistes, sagt er, ferner die Aufhebung der Mönchsorden entziehe diesem mönchischen Institute die mächtigsten Stützen. Dasselbe könnte eigentlich ohne Mitwirkung des päpstlichen Stuhles außer Kraft gesetzt werden; der Regent brauche einfach zu erklären, daß der geistliche Stand fortan kein Ehehinderniß mehr sei. Derselbe könne auch im Einverständniß mit dem Bischof erklären, er schließe sich mit seinen Unterthanen in Hinsicht der Priesterehe an den griechischen Ritus an (Wessenb. Bibl. Fasc. 48, n. 32). Daß der Generalvicar so dachte, war kein Geheimniß, und eine notorische Thatsache war, daß ein gefallener Priester der denkbar nachsichtigsten Behandlung sicher sein durfte. Aber eben durch diesen Grundsatz, daß der Cölibat aufgehoben werden müsse, und durch seine Nachsicht mit Gefallenen hat Wessenberg der Corruption des Clerus Vorschub geleistet. Das sittenlose Treiben der Geistlichkeit mußte nothwendig auch die Sittlichkeit des Volkes unterwühlen. Selbst in Gegenden, wo das Volk seinen Glauben bewahrte, reden die Taufbücher dieser Zeit eine erschreckende Sprache.

Wessenberg blieb nach dem Rücktritt in das Privatleben in Sachen der kirchlichen Entwicklung kein müßiger Zuschauer. Um sie in den Bahnen der »Aufklärung« festzuhalten, entfaltete er jetzt, nicht minder wie bisher, eine staunenswerthe publicistische Thätigkeit durch Schriften und kleinere Aufsätze. Sein und seiner Anhänger Hauptorgan waren über ein Jahrzehnt die 1830 von Huber und Pflanz in’s Leben gerufenen »Freimüthigen Blätter«. Hatte das Pastoralarchiv die Ziele der Aufklärung immerhin noch mit einiger Zurückhaltung angestrebt, so ließ das neue Organ nun alle Rücksicht beiseite; es ist der Ingrimm über den Sturz Wessenberg’schen Kirchenpolitik, der fast aus jedem Hefte herausspricht. Weil diese Politik an Klugheit Roms zerschellte, so war es hauptsächlich der Papst, gegen den sich die heftigsten Ausdrücke wendeten: er habe die Kirche in’s Verderben geliefert, er sei das Hinderniß aller Reformen, von ihm sei alles Schlimme zu befürchten, und es werde nicht eher besser, als bis alle Bischöfe zusammenträten und sich von seiner Macht lossagten. Sodann erachteten es die »Freimüthigen Blätter« als eine Hauptaufgabe, die bischöflichen Anordnungen, soweit sie ihrem Geschmacke nicht entsprachen, insbesondere die des erzbischöflichen Ordinariates von Freiburg, dem Fluche der Lächerlichkeit preiszugeben und die kirchliche Auctorität in der Erzdiöcese nach jeder Seite hin so viel möglich zu untergraben. Die ehrwürdigsten Institutionen der Kirche wurden als Ausgeburten der Finsterniß und Unvernunft gebrandmarkt, dagegen deutsche Liturgie, Priesterehe und Synoden als kategorische Forderungen des Lichtes und der mündig gewordenen Vernunft dargestellt. Daneben werden liebevolle Blicke zu den Protestanten hinübergesendet, welche ja in nichts von den »ächten und vernünftigen Katholiken« verschieden sind, als daß sie einige Dogmen weniger haben. An dieser Zeitschrift war Wessenberg eifriger Mitarbeiter. Redacteur Pflanz dankt ihm am 20. April 1834 »für den warmen Antheil, den Sie an den Freimüthigen Blättern nehmen, und den Sie schon so oft durch Ihre besonders schätzbaren Beiträge und namentlich neuerlich wieder durch gnädige Mittheilung eines Aufsatzes über das Concil zu Konstanz bewiesen haben« (Wessenb. Bibl. Fasc. 94, n. 14). Wessenberg stieg allerdings nie zu dem Poltertone der Pflanz, Huber u. s. w. hinab, er redete die Sprache des Salons, war aber darum nicht minder revolutionär; auch hielt er sich immer sorgsam hinter der Linie und zeichnete nie mit seinem Namen. – Als von 1831 an in Baden der schmachvolle Cölibatsturm auf’s Neue in Scene ging und die »Freimüthigen Blätter« Himmel und Erde zu Gunsten der Stürmer in Bewegung setzten, war auch Wessenberg an der Arbeit. Es erschienen »Worte eines ehrwürdigen Greises, der in seinem Vaterland eine wichtige kirchliche Stelle bekleidet« (Freimüth. Blätter III 155-181). Während Erzbischof Boll in einem Hirtenbriefe vom 13. Juli 1832 gegen das Treiben der Cölibatsgegner auftrat und Gregor XVI. in der Encyklica vom 15. August 1832 die in Würtemberg und Baden entstandenen cölibatsfeindlichen Vereine als foedissima conjuratio brandmarkte, stattete Wessenberg Werkmeisters vergriffene Schrift »Über den Rücktritt katholischer Geistlicher höherer Weihen in den Laienstand« mit Zusätzen aus und ließ dieselbe durch Huber neu herausgeben. Unter Hinweis auf die Erklärung der brasilianischen Kammer vom 10. October 1827, auf die Schritte der badischen Ständeversammlung, auf die in der französischen Abgeordnetenkammer aufgestellten Ansichten über die Ehelosigkeit der katholischen Geistlichen, auf die vielen Vereine und Petitionen wegen Aufhebung des Cölibates fragt Wessenberg: »Sollten denn diese Zeichen der Zeit unbeachtet bleiben und gar nichts geschehen, was unruhigen Gemüthern den Frieden wiedergeben, das Ansehen der Religion heben, die Bürgerherzen an einander knüpfen, der Kirche festere Stützen, dem Staate nützlichere Bürger verschaffen und manche nur Unruhe stiftende Coalitionen aufheben könnte?« – In den Jahren 1831 und 1833 war in Stuttgart bei Cotta Wessenbergs Rituale »nach dem Geist und den Anordnungen der katholischen Kirche« erschienen und von dem Verfasser »den hochwürdigsten Erzbischöfen und Bischöfen, ihren Vicariaten und der gesammten hochwürdigen Geistlichkeit im katholischen Deutschland und den künftig von ihnen abzuhaltenden Synoden zur Prüfung ehrerbietig vorgelegt« worden. Er hatte »alles Werthvolle« sorgsam ausgewählt, was seit Decennien so viele Verfasser geschaffen, um den »feierlichen Kirchenverrichtungen« den gebührenden »Einfluß auf die Erbauung und Belehrung der Christengemeinden nach ihrem dermaligen Grade religiöser Bildung« zu verschaffen. Überall sei »der Geist des kirchlichen Alterthums und der ehrwürdigsten Kirchensatzungen mit genauer Aufmerksamkeit berücksichtigt worden«. Aber an das römische Ritual, in welchem Alterthum und Kirchensatzungen vorzüglich ihren Ausdruck gefunden haben, erinnert kaum noch ein entfernter Anklang. Das ganz deutsche Ritual bietet 6 Homilien für die Taufe, 7 Anreden bei der Vorbereitung zum heiligen Bußsacrament, 20 Ansprachen bei Austheilung der heiligen Communion. Die erste heilige Communion der Kinder wird mit drei Anreden gefeiert. Als Fundgrube für Leichenreden wird das Pastoralarchiv empfohlen. Auch die mit der Regierung vereinbarte »liturgische Form bei der Profeßablegung eines Mitgliedes einer weiblichen Anstalt« sammt der staatlichen Gelübdeformel ist aufgenommen. – Ein besonderer Vorzug sind (nach Huber) die Exorcismen. Wessenberg »hat denselben eine sehr vernünftige Deutung gegeben. Es erscheint kein personificirtes böses Wesen, kein eigentlicher Satan, der den Menschen bewohnt und ausgetrieben werden müßte; er versteht vielmehr darunter die verkehrte Natur in dem Menschen, seine Geneigtheit, die Werke Satans zu vollbringen«. Auch den Vorzug habe das Ritual, daß es möglichst die äußere Form der Culthandlungen beibehalte, weil das Volk zu sehr daran gewöhnt sei, und »weil man ja auch in alte Schalen einen guten Kern um so leichter hineinlegen kann, als das Volk das deutsche Wort für eine Übersetzung des lateinischen Wortes halten wird, wenn gleich der Sinn manchmal ein ganz anderer ist«. Damit habe Wessenberg einer Forderung entsprochen, die er selber früher an den Clerus gestellt. Man erwarte, daß die Bischöfe den Gebrauch des vortrefflichen Rituals nicht nur stillschweigend gestatten, sondern gesetzlich vorschreiben (Freimüth. Blätter II, 302 ff.). Letzteres geschah nun freilich nicht, aber in das von Ignaz Demeter ausgearbeitete neue Ritual, welches der im Erzbisthum herrschenden Willkür ein Ende machen sollte, wurde eine große Anzahl deutscher Formularien aus dem Wessenberg’schen Ritual aufgenommen. Dieß war schon mehr als eine berechtigte Rücksichtsnahme. Gleichwohl richteten die »Freimüthigen Blätter« 1835, Heft 4, einen heftigen Angriff gegen das Rituale und den diesem vorgedruckten Hirtenbrief, worin der Erzbischof in Kraft des heiligen Gehorsams verlangte, daß man sich genau an das neue Rituale halte, daß man insbesondere die wesentlichen Formeln der Sacramente in lateinischer Sprache ausdrücke, und widerspänstige Priester mit Suspension bedrohte.

Die Hubers Feder entstammende Kritik forderte die Geistlichkeit offen zur Widersetzlichkeit gegen den Erzbischof auf. Die Ausgabe dieses Buches sei eine unnöthige Arbeit gewesen, durch das Wessenberg’sche sei dem Bedürfniß abgeholfen. Der Hirtenbrief sei wegwerfend, für die erleuchtete Geistlichkeit indignirend. Wo der Erzbischof die lateinische Sprache gebiete, stehe sein Gebot und das des Papstes im Widerspruche mit dem Gebote Christi, im Geist und in der Wahrheit zu beten Bedenklich sei das Gelöbniß des Pfarrers bei der Investitur, dem Erzbischof und dem Ordinariate gehorsam zu sein und mit Ehrfurcht alle ihre Anordnungen treu und pünktlich zu vollziehen. Übrigens könne darunter nur ein vernünftiger Gehorsam verstanden werden. Ganz im Irrthum sei der Erzbischof, wenn er sich das alleinige Recht zuschreibe, in dieser Sache zu verfügen. Nach der ursprünglichen constitutionellen Verfassung der Kirche wäre das Ritual »von der gesammten aufgeklärten biedern Geistlichkeit berathen und verfaßt worden«. Der Oberhirt nenne die Priester filioli: »Was können nun schwache Söhnchen Besseres thun, als die gnädigsten Befehle ihres erhabenen Vaters unbedingt zu befolgen?« Die Androhung der Suspension brauche übrigens keiner zu fürchten, das Ordinariat werde, wenn es klug sei, die Augen zudrücken. – Die Aufwiegelung verfehlte ihre Wirkung nicht. Am 30. October 1835 forderte deßhalb der Generalvicar v. Vicari (s. d. Art.) von jedem Pfarrer, Pfarrcuraten und Pfarrverweser eine schriftliche und bestimmte Antwort auf die drei Fragen: ob er neben dem Rituale noch andere gebrauche; ob er die Formeln der Sacramente in lateinischer Sprache zur Anwendung bringe; ob er die heilige Messe verstümmelt oder theilweise in der Landessprache halte? Die Antworten ergaben, daß das neue Rituale in den meisten Capiteln der Erzdiöcese bereitwillige und dankbare Aufnahme fand. Dagegen brach jetzt in der Seegegend der Sturm gegen das Ordinariat los. Konstanz war das Centrum. Dort wurde eine Gegenvorstellung abgefaßt, welche in den übrigen Decanaten zur Unterschrift circulirte und von dem Ordinariat als ein »Pamphlet« bezeichnet werden konnte. Die Vorstellung war eine Umschreibung der Recension Hubers, und zwar mit Quellenangabe. »Unseres Ermessens«, sagt das Schriftstück, »sind die Mängel des neuen Rituals in den zu Stuttgart erscheinenden ‚Freimüthigen Blättern’ mit ebenso viel Wahrheit und Sachkenntniß als Bescheidenheit dargestellt worden.« Die Absender erachten es als ihre Pflicht, das Ordinariat auf diese Publication hinzuweisen. Das Rituale hätte in einer Diöcesansynode festgesetzt werden sollen. Da man einen andern Weg beliebt, stehe es nicht auf der Höhe einer gesunden theologischen Kritik und sei mit Fehlern behaftet, welche als Auswüchse längst vergangener Zeiten anerkannt seien. Das Erzbischöfliche Ordinariat möge »diese ehrerbietige Vorstellung wohlwollend aufnehmen« und zugeben, »daß den treuen, eifrigen und frommen Seelsorgern, denen die Erbauung ihrer Gemeinden wahrhaft am Herzen liegt, fernerhin wenigstens stillschweigend gestattet werde, sich neben dem neuen erzbischöflichen Rituale in vorkommenden Fällen auch desjenigen, das zu Stuttgart erschienen ist, und welchem ohnedieß der bessere Inhalt des neuen Rituals entnommen ist, mit angemessener Berücksichtigung der Umstände insolange zu bedienen, bis eine Diöcesansynode in dieser Angelegenheit eine allgemein verbindliche, gesetzliche Anordnung treffen wird«. Manche Decane zerrissen das Schriftstück, andere schickten es nach Freiburg; im Seekreis dagegen, in den Decanaten Konstanz, Stockach, Meßkirch, Linzgau, auch Geisingen und Klettgau, unterschrieben viele Priester. Andere schickten Recensionen und Conferenzberathungen an das Ordinariat, wünschten Ausnahmen, Modificationen, eine gänzliche Reformation der heiligen Messe oder suchten sich anderswie um die Beantwortung der Fragen herumzudrücken. Aber das Ordinariat bestand auf der directen Beantwortung seiner Fragen und zeigte sich entschlossen, gegen renitente Priester die Suspension in Anwendung zu bringen. Indessen kam es im Seekreis erst gegen das Jahr 1850 so weit, daß das Hochamt vom Priester überall und vollständig in lateinischer Sprache gesungen wurde.

Die Synoden bildeten einen Hauptartikel im Programme Wessenbergs. Zwar schien er, so lange er selbst »geistlicher Regierungspräsident« war, dieses Bedürfniß nach Synoden weniger zu fühlen, und obgleich er in der geplanten neuen Einrichtung der deutschen Kirche regelmäßige Synoden in Vorschlag gebracht hatte, traf er selbst nie Anstalten zur Berufung einer Diöcesansynode. Aber als er 1827 in das Privatleben zurücktrat, fand und klagte er: »Der Bischof und sein Ordinariat befinden sich, seitdem die öftere Abhaltung von Bisthumssynoden außer Übung gekommen ist, manchmal in einer schmerzlich fühlbaren Entfernung von der Stimme unbefangener Rathgeher«; die Pastoralconferenzen hätten ihm als Ersatz dienen müssen (Pastoralarchiv 1827, I, 1 ff.). Von da ab bis zu seinem Tode hat wohl kein Aufklärer so fleißig und so beharrlich nach Synoden gerufen wie Wessenberg. Durch Synoden hofften jetzt die Aufgeklärten die Aufhebung des Cölibats, die »Reform« der Liturgie und alle ihre sonstigen Wünsche dem Erzbischof abnöthigen zu können. Die »Freimüthigen Blätter« variirten in zahllosen Wendungen und Artikeln den Grundgedanken: Wir brauchen nichts als Synoden. Der Staat, das Volk, die Gesammtheit der Kirche haben ein Recht, sich über die Frage der Priesterehe auszusprechen, die Priester in noch höherem Grade als Glieder des gesetzgebenden Körpers. Wenn dann die Mehrheit der Stimmberechtigten sich für die Priesterehe ausspricht, so hat die Kirche gesprochen. Seit 1820 beschäftigte sich Wessenberg mit Abfassung eines größern Werkes über diesen Gegenstand. Es war ihm also ein Leichtes, die »Freimüthigen Blätter« reichlich mit Artikeln über Synoden zu versehen, und als sein Buch »Die großen Kirchenversammlungen des 15. und 16. Jahrhunderts in Beziehung auf Kirchenverbesserung«, Konstanz 1840, erschien, waren die Leser der Zeitschrift über den Inhalt der 4 Bände bereits wohl unterrichtet. Die Concilien von Konstanz und Basel werden als Ideale von Concilien verherrlicht. Das Concil von Trient habe »Ehrbarkeit« nur auf die Oberfläche des kirchlichen Lebens zurückgerufen. Die Päpste hätten alle Reformen zu vereiteln gewußt und durch Anmaßung der den Synoden zukommenden Gewalt die Kirche verwüstet. Nur Eines vermöge dieselbe wieder zu retten: die Erneuerung von Synoden. Aufforderung zum Kampf wider den Papst, Munition für minder belesene Synodalstürmer ist die Quintessenz des Buches. Wessenbergs Anhänger erhoben dasselbe bis zu den Sternen. »Das klassische, unsterbliche Werk«, schreibt Huber, »lese ich zwar langsam, aber mit großer, ernster Über1egung« (Wessenb. Bibl. Fasc. 95, n. 48). Hefele dagegen hat diese »bedeutendste literarische Arbeit Wessenbergs« , wie dessen Biograph und Verehrer Beck (s. u.) sie nennt, einer vernichtenden Kritik unterzogen (Tüb. Theol. Quartalschr. 1841, 616 ff.). Aber schon längst vor dem Erscheinen des Werkes hatte die Aufklärung in Deutschland bezw. Baden unter schweren Schlägen den Rückzug angetreten. Zwar feierten die Wessenberg’schen Tendenzen einen großen Sieg, als am 30. Januar 1830 die Verordnung erschien, welche im Bereiche der oberrheinischen Kirchenprovinz die Ausübung des staatlichen Schutz- und Aufsichtsrechtes über die katholischen Landeskirchen ordnen sollte; denn die Verordnung enthielt alle nachtheiligen Bestimmungen, welche Wessenberg beim Wiener Congreß zur Aufnahme in das organische Gesetz empfohlen hatte, und welche den Staat an die Stelle des Bischofs setzen und zum Herrn der Kirche machen. Ein Sieg Wessenberg’scher Ideen war auch die 1834 in der Diöcese Rottenburg in’s Leben getretene Gottesdienstordnung, welche so ziemlich alle von Wessenberg angestrebten »Reformen« verwirklichte. Die »Freimüthigen Blätter« waren darüber voll Jubel, allen voran Huber. Das zur Erzdiöcese gehörige Capitel Linzgau schrieb dem Bischof Keller: »Es ist heilige Pflicht ächter Katholiken, die es mit ihrer Kirche redlich meinen, für ein solches die Anbetung Gottes im Geist und in der Wahrheit förderndes Werk im Hochgefühl der Freude den gerührtesten Dank auszusprechen.« Von dem Erzbischof erwarten sie, daß er auf dem gelegten Grunde weiterbaue. Er möge aber bedenken, das große Werk einer umfassenden, ächt christkatholischen Gottesdienstordnung hätte mit manchen beengenden Rücksichten nicht zu kämpfen, wenn von einer Diöcesan- oder Provinzialsynode demselben die inhaltsschweren Worte an die Stirne geschrieben wären: »Es hat dem heiligen Geiste und uns gefallen«. Der Erzbischof möge es also zu erwirken streben, daß das ächt katholische christliche Synodalsystem nach der ausdrücklichen Verordnung des Concils von Trient wieder in’s Leben trete, auf daß so Gottes Reich befördert werde (Freimüth. Blätter 1839, 147 ff.). Aber all das, und auch die große Zahl von Priestern, welche in Wessenbergs Geist wirkten, konnte die Wendung nicht aufhalten, die sich seit Anfang der dreißiger Jahre in Deutschland vorbereitet hatte. Sie nahm ihren Ausgang von Tübingen. Dort hatte der geniale Möhler (s. d. Art.) die Unterscheidungslehren der Katholiken und Protestanten zum Gegenstand tiefer Forschungen gemacht, die weite Kluft offen gelegt, welche die beiden Confessionen von einander trennt, und damit dem von der Aufklärung gepflegten Indifferentismus einen Stoß in’s Herz versetzt. Von 1832 bis 1838 machten fünf Auflagen die Symbolik Möhlers weit über Deutschland hinaus zum Gemeingut der Katholiken und trugen mächtig bei zum Wiedererwachen des katholischen Bewußtseins. Dazu kam der Streit der preußischen Regierung mit dem Erzbischof von Köln, Clemens August v. Droste-Vischering (s. d. Art.), wegen der gemischten Ehen. Dessen Gefangennehmung weckte das katholische Deutschland, und als nun auch der Papst für den Erzbischof eintrat und gegen die Gewaltthat protestirte, da stand die katholische Bevölkerung Deutschlands wie ein Mann auf Seiten des Papstes und des vergewaltigten Erzbischofs. Den Gedanken aber, die Aller Herzen erfüllten, hat Görres einen gewaltigen Ausdruck gegeben in seinem »Athanasius«; der wirkte wie Zauber auf die Gemüther, und der Zauber ergriff sogar Männer, die sonst freierer Gesinnung und Ansicht waren. Das waren die ersten Wehen der kirchlichen Wiedergeburt im katholischen Deutschland. In Wessenberg’schen Kreisen wurden sie wie ein schwerer Alp empfunden. »Die Freimüthigen Blätter«, schreibt Pflanz an Wessenberg (20. April 1834), »hatten vielleicht Unterstützungen nie nöthiger als gerade im gegenwärtigen Zeitpunkt. Von den Mitarbeitern aus Rheinpreußen erhalte ich seit Jahr und Tag nicht nur keine Beiträge, sondern nicht einmal Briefe.« Andere würden kaltsinniger, der Verleger klage über Mangel an Abnehmern; Wessenberg möge für einen Mitarbeiter in der Schweiz sorgen. Sprißler arbeite rüstig fort und schreibe eine Kritik über Möhlers Symbolik und Baurs Gegenschrift. Mit Möhler abzurechnen hatten die »Freimüthigen Blätter« einen ganz besondern Grund. In seiner »Beleuchtung der Denkschrift für die Aufhebung des den katholischen Geistlichen vorgeschriebenen Cölibats« hatte Möhler in der Beschaffenheit des badischen Clerus und im Verlangen der Petenten nach einem tüchtigern Clerus »ein großes Zeugniß gefunden gegen manche bisher in Baden, sowohl auf der Universität Freiburg als im Seminar zu Meersburg und in der bischöflichen Verwaltung herrschend gewesene Grundsätze, nämlich das Zeugniß, daß nichts Gedeihliches durch dieselben erreicht worden sei, noch erreicht werden könne« (Möhlers Gesammelte Schriften I, Regensb. 1839, 181). Dieses wohlberechtigte Urtheil wurde nun Möhler von dem notorischen Concubinarius Sprißler mit überaus rohen persönlichen Beschimpfungen quittirt und die Symbolik als »Hochverrath am gesellschaftlichen Frieden und Gedeihen« bezeichnet. Von Baur dagegen und dessen Gegenschrift meint er: »Solche Männer gehören der Gesammtkirche an, nicht einer einzelnen, und solche Schriften dienen der Wissenschaft und dem Christenthum, die weder römisch-katholisch noch lutherisch-protestantisch, sondern allgemein evangelisch, menschlich und göttlich sind« (Freimüth. Blätter 1835, 320 ff.). Gleich roh und cynisch verfuhr Pflanz mit Görres. Freilich war mit derartigen Ergüssen weder der Symbolik noch dem Athanasius Eintrag zu thun. Als der Papst für den Erzbischof von Köln eintrat, verfaßte Wessenberg die »Anrede eines deutschen Prälaten an Se. Heiligkeit« und ließ sie durch Huber in den »Freimüthigen Blättern« veröffentlichen. Mit Unrecht lobe der Papst den Erzbischof. Der Erzbischof habe verwirrt, was seine Vorfahren zu Nutzen und Ruhm der katholischen Kirche trefflich, gesetzmäßig und mühsam eingerichtet. Gerade wenn die katholische Erziehung sämmtlicher Kinder nicht durchzusetzen ist, habe der katholische Ehetheil stärkende Worte aus dem Munde seines Seelenhirten mehr als je nöthig. Das preußische Ehegesetz sei kein Eingriff in die kirchliche Freiheit. Die Päpste hätten die Religionsspaltung hervorgerufen. Nur mit christlicher Duldsamkeit werde die Vereinigung wieder hergestellt. Die Pfeile der Polemik nützten da nicht; Synoden seien das einzige Mittel, eine Ausgleichung zwischen Staat und Kirche herbeizuführen. – Solche Ungezogenheiten gegen das Oberhaupt der Kirche und dazu noch in diesem Moment konnten nur im höchsten Grade abstoßend wirken. »Die entschieden ultramontane Richtung, welche Möhler angebahnt hat,« schriebt Pflanz am 29. Januar 1841 an Wessenberg, »tritt bei unserer jungen Geistlichkeit seit dem Kölner Ereigniß immer schroffer hervor.« Die Zahl der Mitarbeiter an den »Freimüthigen Blättern« nehme ab, und seine persönliche Arbeitslast wachse. »Um so inniger bin ich daher Ew. Excellenz zum Dank verbunden, da Sie Ihre fernere Theilnahme so gütig in Aussicht stellen.« Er sei fest entschlossen, die Blätter fortzuführen, da selbst alle liberalen katholischen Zeitungen eingegangen seien. »So lange Ew. Excellenz und Dr. Huber mich unterstützen, hoffe ich im Stande zu sein, das Journal nicht nur fortzusetzen, sondern sicher durch alle Klippen hindurchzusteuern« (Wessenb. Bibl. Fasc. 95, n. 42). Auch Huber beklagte den Rückgang der Aufklärung. »Die brennende Fackel wird nach und nach auslöschen, und die Begeisterten werden erkalten. So scheint es in Deutschland zu werden.« Er betont die Nothwendigkeit, die »Freimüthigen Blätter« fortzuführen. »Sie sind noch das einzige Organ für die gute Sache« (Wessenb. Bibl. Fasc. 94, n. 1 u. 119). In der That, unter Möhlers Einfluß hatte auch die Tübinger »Theol. Quartalschrift« seit 1835 angefangen, die Bahn der Aufklärung zu verlassen. In Mittelbaden war seit 1833 das in Freiburg gedruckte »Badische Kirchenblatt für Protestanten und Katholiken« nachdrücklich für Wessenberg eingetreten. Der Geistliche Rath und Stadtpfarrer Mersy in Offenburg und drei protestantische Pfarrer hatten dasselbe in’s Leben gerufen und bis 1834 gemeinsam redigirt. Dann legte auf Befehl des Erzbischofs Mersy die Redaction nieder, blieb aber Mitarbeiter. Schon 1835 klagt das Blatt, »daß für die wahren Interessen der Kirche überall so wenig Theilnehmer zu finden seien«. Im J. 1841 ging es ein. Im nämlichen Jahre starb Huber. Bald mußte Pflanz aus Gesundheitsrücksichten die Redaction niederlegen, und so verschwanden 1844 auch die »Freimüthigen Blätter« von der Bildfläche, nachdem sie 14 Jahre lang unverantwortlich Vieles zur Aufhetzung des Clerus geleistet hatten.

Seit seinem Rücktritt in das Privatleben hatte Wessenberg außer den genannten Arbeiten noch eine Reihe anderer Schriften herausgegeben, so »Christliche Betrachtungen zur Vorbereitung auf die Feier der Auferstehung des Herrn«, Konstanz 1827; »Mittheilungen über die Verwaltung der Seelsorge nach dem Geiste Jesu und seiner Kirche«, Augsburg 1832, 2 Bdchen.; »Die Stellung des römischen Stuhles gegenüber dem Geiste des 19. Jahrhunderts«, Zürich 1833, und ein homiletisches Handbuch »Die Kraft des Christenthums zur Heiligung des Sinnes und Wandels«, Konstanz 1833; ferner das bereits 1814 erschienene Werk »Die Elementarbildung des Volkes in ihrer fortschreitenden Ausdehnung und Entwicklung«, Konstanz 1835 in 2. Aufl., und »Betrachtungen über die wichtigsten Gegenstände im Bildungsgange der Menschheit«, Aarau 1835 (eine Sammlung in Zeitschriften zerstreuter Aufsätze); »Die großen Kirchenversammlungen von Konstanz und Basel«, in 2. Aufl. Konstanz 1845. Im J. 1845 bemühte sich Ronge (s. d. Art. Deutschkatholiken) persönlich, Wessenberg für die deutschkatholische Bewegung zu gewinnen; aus der Antwort Wessenbergs: »Ich war stets und bleibe forthin ein treuer Sohn der katholischen Kirche«, hat man damals und auch seitdem wiederholt, aber ohne allen Grund, Aufhebens gemacht. Mit Ronge gemeinsame Sache zu machen, dünkte sich Wessenberg viel zu hoch. Glaubte er sich doch 1847 berufen, Pius IX. kundzugeben, was die katholische Christenheit des 19. Jahrhunderts von dem römischen Stuhle erwarte. – Im J. 1845 brachte Erzbischof Hermann v. Vicari die Behandlung der gemischten Ehen in Übereinstimmung mit den Forderungen der Kirche. Das war natürlich ein Stoß in das Herz Wessenbergs. Wie unangenehm in Konstanz das Einlenken des Erzbischofs in entschieden kirchliche Bahnen empfunden wurde, zeigt die rohe Demonstration, welche bald darauf in dieser Stadt dem Oberhirten widerfuhr, als er zur Spendung der heiligen Firmung als Gast dort weilte. Es ist jedoch nicht anzunehmen, daß Wessenbergs Person mit diesen Excessen in directen Zusammenhang gebracht werden muß. – Als 1848 ein Wahnbild politischer Freiheit die liberalen Köpfe verwirrte, begann es auch unter den liberalen, d. h. wessenbergisch gesinnten Geistlichen, vornehmlich im Seekreis, wieder lebhafter zu gähren. Versammlungen und Eingaben an den Erzbischof forderten auf’s Neue alle die bekannten »Reformen« der Aufklärung, einschließlich Aufhebung des Cölibats und Einführung der Synoden mit berathender und entscheidender Stimme der Laien, und zu den alten Forderungen war neu hinzugetreten die Besetzung der Lehrerstellen im Priesterseminar mit Männern »von ächt christlichem, kirchlichem Geist wie Wessenberg«. Auch hier finden wir Wessenberg wieder an der Spitze der Seinigen. Er schrieb 1849 zu ihrer Ermuthigung und zur Belehrung des Erzbischofs, der im Hirtenbrief vom 26. Januar dieses Jahres Synoden kirchlichen Charakters in Aussicht gestellt hatte, »Die Bisthumssynode und die Erfordernisse und Bedingungen einer heilsamen Herstellung derselben«. – Im J. 1848 versammelten sich die Bischöfe Deutschlands in Würzburg, 1851 die der oberrheinischen Kirchenprovinz in Freiburg, um das schmachvolle Joch staatlicher Bevormundung von der Kirche abzuschütteln, welches ihr aufzulegen Wessenberg wesentlich behilflich gewesen war. Darüber brach in Baden der Kirchenstreit aus, der erst zu Gewaltmaßregeln, dann aber zu Unterhandlungen mit Rom wegen eines Concordates führte. Die Erzdiöcese athmete erleichtert auf. Wessenberg freilich schrieb an Bunsen am 1. November 1855: »Sie können sich leicht vorstellen, welch schmerzlichen Eindruck die neuesten kirchlichen Wühlereien auf mich machen mußten. Würden unsere geistlichen Oberhirten nur die Hälfte des Eifers und der Rührigkeit, welche sie in ihrem Feldzug gegen die Regierungen, um sie aus allem Einfluß auf das Kirchliche zu verdrängen, an den Tag gelegt haben, einer wahren Wiedergeburt und Erweckung des christlichen Sinnes und Lebens zugewendet haben, wir hätten allen Grund, ihnen dafür dankbar zu sein.« Die Regierung habe sich schüchtern und planlos benommen. Ihr erster ungeheurer Mißgriff sei die »Gestattung von Missionen der landfriedenstörenden Jesuiten« gewesen. Sodann hätte die Regierung sich nicht, wie geschehen, zu Unterhandlungen und Zugeständnissen verstehen sollen. Die Folge davon sei gewesen, daß, »die Bischöfe immer rücksichtsloser voranschritten«. Vom römischen Stuhl wäre eine ernste Zurechtweisung der Bischöfe »wegen ihres gesetzwidrigen Gebahrens« zu verlangen gewesen. Einem Concordate mit Rom könne man nur mit Bangen entgegensehen. Daher stand Wessenberg nach erfolgtem Abschluß des Concordates mit vollem Herzen auf Seiten derer, welche dasselbe zu Fall brachten. Als er am 9. August 1860, 86 Jahre alt, starb, verlautete allerdings aus seiner unmittelbaren Umgebung in Konstanz, Wessenberg habe vor seinem Hinscheiden widerrufen wollen, was er gegen den Papst gethan, sei aber davon abgehalten worden. Wie viel Wahrheit an dieser Aussage ist, läßt sich nicht entscheiden. Sein Begräbniß fand in der Domkirche zu Konstanz statt.

Vollständigkeit und Gerechtigkeit verlangen noch eine Übersicht über die politische Thätigkeit des rastlosen Mannes, der als Politiker meist einen glücklichern Griff denn als kirchlicher Reformator hatte. Auf dem Wiener Congreß trat er nachdrücklich für die politische Gleichberechtigung der verschiedenen christlichen Religionsparteien und für die Einführung einer landständischen Verfassung in den einzelnen deutschen Bundesstaaten ein. Seinem Einflusse ist es mit zu verdanken, daß Großherzog Karl als erster unter den deutschen Fürsten noch kurz vor seinem Tode dem Volke eine solche Verfassung verlieh. Von 1819 an war Wessenberg Mitglied der ersten Ständekammer, zuerst als »Bisthumsverweser«, später als Mandatar des grundherrlichen Adels und entfaltete eine vielseitige, rührige Thätigkeit. In Anträgen und zahlreichen Reden vertrat er Preßfreiheit, Ministerverantwortlichkeit, Öffentlichkeit der Verhandlungen, Gemeindeordnung, Zehntablösung, Unantastbarkeit des kirchlichen Stiftungsvermögens, insbesondere aber die Interessen der Schule. Um eine Reform des gesammten Schulwesens in die Wege zu leiten, drang Wessenberg energisch auf eine tüchtige Vorbildung der Lehrer und auf eine ihrem Berufe entsprechende ökonomische Stellung. Diese Anregungen haben schöne Früchte getragen: ein zweites katholisches Schullehrerseminar wurde neu errichtet, das protestantische reorganisirt, eine Schullehrer-Wittwen- und Waisenkasse gegründet, der Anfang zur finanziellen Besserstellung der Lehrer gemacht. Aus Wessenbergs »Elementarbildung des Volkes« ergibt sich zur Evidenz, daß er sich die Schule nur in innigster Verbindung mit der Kirche denken konnte. Darum verlangte er auch, daß die Heranbildung des Priesters dessen künftige Stellung als der ersten Aufsichtsperson über die Schule in’s Auge fasse. Auch auf Handel und Gewerbe richtete er seine Aufmerksamkeit. Er gab den Anstoß zur Errichtung von Real- und Gewerbeschulen sowie einer höhern polytechnischen Lehranstalt. Seine Ideen hierüber finden sich in der Schrift »Über die Bildung der gewerbtreibenden Volksklassen überhaupt und im Großherzogthum Baden insbesondere«, Konstanz 1833. Den liberalen Kammercollegen weit voraneilend, hatte er Handels- und Gewerbefreiheit bereits in sein Programm aufgenommen. Wessenberg hatte ein theilnahmsvolles Herz für die Unglücklichen. Auf eine 1822 in der Kammer gehaltene Rede wurden eine Taubstummenanstalt in Pforzheim und ein Blindeninstitut in Freiburg errichtet. Auch die erste Rettungsanstalt in Baden, Maria Hof bei Neudingen, verdankt ihm die Entstehung. Diesen Anstalten blieb er zeitlebens wohl zugethan. Er verzichtete zu ihren Gunsten auf die Kammerdiäten und veranlaßte zu Gleichem auch die übrigen Mitglieder der Kammer. Im J. 1831 bildete sich auf seine Anregung ein weitverzweigter Verein, der durch Privatbeiträge sich dieser Rettungsanstalten annahm. Wessenberg selbst gründete größtentheils aus eigenen Mitteln in Konstanz ein Waisenhaus für Mädchen. Diese sämmtlichen Anstalten, namentlich die letztere, wurden von ihm im Testament reichlich bedacht. Freilich hat Wessenberg, so lange er »Geistlicher Regierungspräsident« war, unbedenklich auch Vermögen von Bruderschaften, kirchlichen Orden u. s. w. solchen philanthropischen Zwecken zugewiesen.

Wessenberg war ein Mann von vielseitigem, reichem Wissen, aber in keiner Hinsicht ein Mann der Wissenschaft, am wenigsten der Theologie. Es ist ihm nie und nirgends gelungen, sich über die Vorurtheile zu erheben, in welchen die Aufklärung befangen war. Jede genauere Bestimmung der Glaubenswahrheiten war ihm in der Seele zuwider. Seine Meisterschaft lag auf dem Gebiete der allgemeinen erbaulichen Phrase. »Wie konnten sich die Mystik und die Scholastik zu der Anmaßung versteigen, die Verbindung der Gottheit und Menschheit in Christo zu erklären? Wie konnten sie so überaus wahnwitzig sein, Fragen wie die von einem oder zwei Willen in Christo aufzuwerfen und zu lösen? oder haarscharf zu bestimmen, wie Gott auf den Menschengeist einwirke, und wie weit Gottes Einfluß auf der Menschen Heil sich erstrecke?« (Schwärmerei [s. o.] 238.) Mit Recht macht der Protestant Gabler (Berliner Jahrbücher für wissenschaftl. Kritik 1834 II, 187 ff.) Wessenberg den Vorwurf, daß er von der Wissenschaft fordere, sie dürfe gar kein Verlangen nach Erkenntniß haben, und damit die Wissenschaft beeinträchtige, wenn nicht vernichte. Eben diese im Geist der Aufklärung liegende Oberflächlichkeit hat es mitverschuldet, daß Wessenberg den Werth und die Kraft des katholischen Glaubens nie erkannte, daß ihm die weite Kluft zwischen Katholicismus und Protestantismus verborgen blieb, und daß er sich einbilden konnte, man könne die Katholiken, ohne daß sie etwas Wesentliches verlören, zu den Protestanten hinüberführen. Auch die letzte, 1857 erschienene Schrift »Gott und die Welt oder das Verhältniß aller Dinge zu einander und zu Gott« erhebt sich nicht über die Sphäre moralisirender Reflexionen. – Daß Wessenberg auch nicht ohne einige poetische Beanlagung war, zeigen die Dichtungen, welche gesammelt in 7 Bänden, Stuttgart 1834-1854 erschienen. Überhaupt war er ein Mann von hoher, vielseitiger Begabung und rastloser Thätigkeit, ausgerüstet mit praktischem Sinn und organisatorischem Geist, ein Mann von makellosem Privatleben und zum Herrscher geboren. Wäre sein Bildungsgang in eine glaubensvolle Zeit gefallen, die mit Verehrung zum Vater der Christenheit emporblickte, er hätte eine hervorragende Zierde der katholischen Kirche werden und Großes zur Ehre Gottes und zur Erbauung und Heiligung der Seelen leisten können. (Vgl. noch Jos. Beck, Freiherr Ign. Heinrich v. Wessenberg. Sein Leben und Wirken, Freiburg 1862; Ders., Ign. Heinrich v. Wessenberg. Lebensbild, Freiburg 1863 [Auszug aus dem vorigen Werke]; Friedrich, Ign. Heinrich Freiherr v. Wessenberg, in Weechs »Badischen Biographien« II, Heidelberg 1875, 452 ff. Die im Art. als »Wessenbergs Bibliothek« citirten Belege beziehen sich auf den im Wessenberghaus zu Konstanz lagernden literarischen Nachlaß.)

[C. Nörber.]


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