Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Wiedertäufer heißen die Mitglieder einer schwärmerischen Secte aus dem 16. Jahrhundert, welche als Folge der sog. Reformation anzusehen ist. Die religiöse Neuerung des 16. Jahrhunderts hielt sich nicht lange innerhalb der Linien, die ihre Häupter glaubten ihr vorzeichnen zu sollen. Bald tauchte die Idee auf, die Kirche sei einfach und durchaus auf den Stand der apostolischen Zeit zurückzuführen. Neben die Schrift als das äußere Wort wurde das innere Wort gestellt, eine innere Offenbarung, die auch jetzt noch wie ehemals den Gläubigen zu Theil werde; Einige setzten diese Inspiration auch unbedingt über die Schrift. Im Gegenstz zu Luther wurde die Rechtfertigung nicht dem Glauben allein oder dem bloßen Glauben, sondern nur dem thätigen Glauben zuerkannt. Das Abendmahl wurde als bloßes Gedächtniß an das Leiden und Sterben des Herrn aufgefaßt. Der Gebrauch des Schwertes erschien als schlechthin unzulässig, selbst die Hinrichtung des Verbrechers durch die Obrigkeit, die Obrigkeit selbst für den wahren Christen als überflüssig, und wenn letzterer auch, so lange sie bestehe, zu gehorchen sei, so sei es doch nicht erlaubt, ein obrigkeitliches Amt anzunehmen. Die Christen sollten kein Eigenthum besitzen, sondern Alles mit einander gemein haben; Einige nahmen die Gütergemeinschaft im vollen Sinne des Wortes, während Andere sie nur im Sinne einer möglichst weitgehenden Unterstützung des Nächsten verstanden. Da im Evangelium der Glaube vor der Taufe seine Stelle habe, sei der Mensch erst, wenn er den Glauben zu bekennen vermöge, oder im erwachsenen Alter zu taufen, die Kindertaufe verwerflich, und da diese Anschauung zu der Forderung führte, die als Kinder Getauften müßten wieder getauft werden, erhielt die Partei den Namen Wiedertäufer. Die Bezeichnung begreift sich. Wenn die Verwerfung der Kindertaufe auch nur eine Lehreigenthümlichkeit der Partei und im Grunde von geringerer Bedeutung als manche andere war, so brachte sie doch den Gegensatz zur übrigen Christenheit zum auffälligsten Ausdruck, und mit ihr vollzog die Partei, indem sie mit der Anschauung Ernst machte und eine neue Taufe vornahm, ihre Trennung von der Kirche. Es wurde bereits angedeutet, daß einige der Lehrpunkte verschieden gefaßt wurden. Auch sonst treten Verschiedenheiten hervor, allein diese können hier auf sich beruhen bleiben. Dagegen ist noch ein Wort über eine der angeführten Differenzen beizufügen. In der Partei bestand eine gemäßigte und eine radicale Richtung, und während jene im Allgemeinen auf dem religiösen Boden sich hielt, ging diese auf eine gewaltsame Neugestaltung auch der bürgerlichen Verhältnisse aus.

Die Neuerung machte sich zuerst in Sachsen und Thüringen bemerklich, und ihre Hauptvertreter waren daselbst Thomas Münzer (s. d. Art.) und Nicolaus Storch (s. d. Art.). Münzer suchte seine Ideen mit Gewalt zu verwirklichen, veranlaßte dadurch aber nur eine um so stärkerer Gegenwehr und erlag mit dem größern Theil seines Anhanges in der Schlacht von Frankenhausen am 15. Mai 1525. Die Katastrophe hätte der Schwärmerei wohl ein Ende bereitet, da die Überlebenden sie kaum auf die Dauer halten konnten. Bereits aber hatte die Richtung an einem andern Orte, in der Schweiz, in bedeutsamer Weise eingesetzt. Als die Führer der Bewegung erschienen in Zürich Grebel, Manz und Blaurock; sie wollten, über Zwingli hinausschreitend, eine Gemeinde der Heiligen nach dem Vorbilde der Pfingstgemeinde herstellen, und indem sie sich im December 1524 einander tauften, war der entscheidende Schritt zur Bildung einer eigenen Gemeinde gethan. Um der Bewegung entgegenzutreten, wurde am 18. Januar 1525 eine Disputation veranstaltet und darauf die Kindertaufe bei Strafe der Landesverweisung vorgeschrieben. Zugleich wurden einige der Führer ausgewiesen. Die Maßregel war zunächst erfolglos. Die Schwärmerei erhielt sich nicht bloß, sondern verbreitete sich auch in die Nachbarschaft, besonders nach St. Gallen, Schaffhausen und Waldshut, wo der Pfarrer Dr. Balthasar Hubmaier (s. d. Art.) und durch ihn fast die ganze Gemeinde die Wiedertaufe empfing. Unter diesen Umständen suchte man im Sommer 1525 die Secte allenthalben in der Schweiz mit Gewalt zu unterdrücken; die Hartnäckigen wurden mit dem Tode durch Ertränken bedroht. Die Verfolgung brachte die Bewegung zu noch größerer Verbreitung. Aus der Schweiz ausgewiesen, ergossen sich die Wiedertäufer über das ganze südliche Deutschland. Augsburg, wo im J. 1525/26 Johann Denk (s. d. Art.) wirkte, Nürnberg und Straßburg wurden ihre Hauptsitze. Hubmaier fand, nach der Bewältigung Waldshuts durch die österreichische Regierung, unter dem Schutze der Herren von Liechtenstein für seine Wirksamkeit eine neue Stätte zu Nikolsburg in Mähren. Indessen trat man in Deutschland der Schwärmerei noch schärfer entgegen als in der Schweiz. Die Wiedertaufe galt im Reiche nach dem bestehenden Rechte als Capitalverbrechen; ein kaiserliches Mandat vom 4. Januar 1528 befahl, durch Gebote und Predigten zu warnen und gegen die Verbrecher gebührend einzuschreiten; allenthalben suchte man sie durch Wasser, Feuer und Schwert zu beseitigen. Die Verfolgung raffte Hunderte von Täufern dahin, insbesondere auch die Häupter und Führer, Manz in Zürich am 5. Januar 1527, Hubmaier in Wien am 30. März 1528, Blaurock zu Clausen in Tirol 1529, während Andere in derselben Zeit eines natürlichen Todes starben, Grebel 1526, Denk 1527. Infolgedessen war die Secte in Oberdeutschland um 1530 unterdrückt. Nicht Wenige überlebten wohl den Sturm; sie zogen sich aber fortan, um nicht ebenfalls dem Tode anheimzufallen, möglichst zurück.

Während aber die Secte im südlichen Deutschland ihre Bedeutung verlor, kam sie im Norden noch einmal zur Macht. Melchior Hofmann (s. d. Art.), ein Kürschner aus Hall in Schwaben, der auf seinen Wanderungen in Livland, Schweden und Dänemark seit 1524 für die religiöse Neuerung eintrat, verkündigte um 1526, daß der Untergang der Welt und die Wiederkunft Christi in sieben Jahren erfolgen werde. Wegen seiner zwinglischen Abendmahlslehre 1529 aus Dänemark ausgewiesen, begab er sich nach Straßburg und schloß sich hier an die Täufer an. Im J. 1530 schrieb er die »Ordonnanz Gottes« in niederdeutscher Sprache, um die Lehre der Täufer nach dem Nordwesten zu verbreiten, und begab sich alsbald selbst dorthin, um noch weiter für dieselbe zu wirken. Er erschien in Ostfriesland und in den Niederlanden, und in beiden Ländern, namentlich in den Städten Emden und Amsterdam, hatte er beträchtliche Erfolge. Außerdem gewann die Richtung im Herzogthum Jülich eine starke Verbreitung, und als die Regierung im Sommer 1532 hier gegen sie einschritt, indem sie die Prediger auswies und ihren Anhang zur Unterwerfung nöthigte, wandten sich die Vertriebenen nach Münster in Westfalen, wo die religiöse Neuerung in der letzten Zeit mit einer Macht sich entfaltet hatte, daß sie im Begriffe war, den völligen Sieg über den alten Glauben zu erringen. Ihr Vertreter war Bernhard Rothmann aus dem benachbarten Stadtlohe. Er wurde um 1529 Kaplan im Stifte St. Moritz bei Münster, und während er in seinen Predigten Anfangs sich in gewissen Grenzen hielt, ging er, nachdem er im Frühjahr 1531 Wittenberg besucht und auch in anderen Städten das neue Kirchenwesen kennen gelernt hatte, zum entschiedenen Kampfe gegen die alte Kirche über, so daß ihm am 29. August 1531 das Predigen verboten und er am 7. Januar 1532 des Landes verwiesen wurde. Statt aber das Bisthum zu verlassen, begab er sich nun von dem Stifte St. Moritz in die Stadt Münster. Die hier bestehende Oppositionspartei, der Tuchmacher Bernhard Knipperdolling an der Spitze, unterstützte ihn derart, daß er am 23. Januar sein Glaubensbekenntniß veröffentlichen konnte und im folgenden Monat durch Gemeindebeschluß zum Prediger an der Lambertikirche ernannt wurde. Auf Verlangen des Bischofs ordnete der Rath zwar in Bälde die Einstellung der Predigt an; die Gemeinde fügte sich aber dem Befehle nicht. Der Tod des Bischofs Erich am 14. Mai 1532 kam ihr zu statten; die protestantisch-revolutionären Elemente entfalteten eine solche Rührigkeit und nahmen eine solche Haltung an, daß der Rath am 15. Juli mit allen ihren Forderungen sich einverstanden erklärte, und daß am 10. August sämmtliche Pfarrkirchen der Stadt an protestantische Geistliche übergeben wurden. Der neue Bischof, Franz von Waldeck, gewählt am 1. Juni, erhielt vom Kaiser am 12. Juli das Mandat, die Prediger zu entfernen und gegen die Aufrührer einzuschreiten, und als die gütlichen Versuche zur Herstellung der Ordnung erfolglos blieben, wurden ernstlichere Maßreglen ergriffen, die Führer in Anklagestand versetzt, die Straßen gesperrt, der Stadt die Zufuhr abgeschnitten. Die Stadt traf aber Gegenmaßregeln; besonders unternahm sie einen kühnen Handstreich, indem sie die geistlichen und weltlichen Herren, die sich in Telgte eingefunden hatten, um mit dem Bischof über einen Ausgleich zu berathen, in der Nacht vom 25. auf den 26. December überfallen und gefangen nehmen ließ. Hierdurch erlangte sie ein solches Übergewicht, daß im Vertrag vom 14. Februar 1533 die sechs Pfarrkirchen ausdrücklich den Protestanten zugesprochen wurden, wogegen der Bischof, das Domcapitel und die geistlichen Collegien unbehindert bei ihrer Religion sollten bleiben dürfen. Die Neuerung war damit anerkannt; der Sieg war aber mit Hilfe von Elementen errungen, die ihr alsbald selbst Gefahr brachten. Die Neugläubigen waren nicht einheitlich gesinnt, und wenn im Kampfe gegen die alte Kirche die inneren Differenzen ruhten, so traten sie jetzt hervor, als es galt, das neue Kirchenwesen einzurichten. Die Ankömmlinge aus Jülich waren Gegner der Kindertaufe; sie gewannen Anhänger für ihre Anschauung, selbst Rothmann schloß sich ihnen nach einigem Zögern an, und die lutherische Partei, namentlich die Mitglieder des Stadtrathes, bemühte sich vergebens, die Wendung zu verhindern. Es blieb auch nicht bei Verwerfung der Kindertaufe. Auch die anderen Ideen der Secte machten sich geltend, die Forderung von brüderlicher Theilung und gegenseitiger Unterstützung. Dazu kam die Erwartung auf die Vernichtung der Gottlosen und die Errichtung des Reiches der Gläubigen, in dem die Frommen unter der Herrschaft Christi eine tausendjährige Glückseligkeit genießen würden. Um eine Verständigung unter den Parteien herbeizuführen, wurde am 7. und 8. August 1533 auf dem Rathhaus ein Religionsgespräch veranstaltet. Das Mittel führte aber wie gewöhnlich nur zu größerer Verschärfung des Gegensatzes, und als die Prädicanten im nächsten Monat sich weigerten, die Kinder zu taufen, kam es zum vollen Conflict. Gegen wiedertäuferische Prediger wurde auf Ausweisung erkannt. Ein Theil verließ in der That die Stadt, und aus Hessen erschienen Theodor Fabricius und Johannes Lening, um das Kirchenwesen zu ordnen. Auf der andern Seite trafen aus den Niederlanden weitere Wiedertäufer ein, und der Zufluß war um so bedeutsamer, als die Richtung dort in der letzten Zeit eine wesentliche Steigerung erfahren hatte. Als Hofmann im J. 1533 in Straßburg, wohin er wieder zurückgekehrt war, in Gefangenschaft gerieth, erhob sich in Haarlem der Bäcker Johann Matthys als Prophet; die Wiedertaufe, die Hofmann in der letzten Zeit auf zwei Jahre sistirt hatte, wurde wieder aufgenommen, und es ward als Offenbarung verkündigt, die gegenwärtige Welt werde durch ihn und die Seinigen zerstört werden; man solle zu den Waffen greifen und die Gottlosen vertilgen. Der neue Prophet fand Glauben; die Apostel, die er gegen Ende des Jahres 1533 zu zwei und zwei aussandte, trugen die Schwärmerei in weitere Kreise; in Bälde waren die nördlichen Niederlande voll von Wiedergetauften. Die Secte ließ sich auch in Münster nicht das Wort entziehen. Am 8. December 1533 verkündigte der Schmiedegeselle Johann Schröder die Lehre der Täufer auf dem Lambertikirchhof, und die Maßreglen, welche der Rath dagegen ergriff, waren erfolglos; die ausgewiesenen Prediger kehrten wieder zurück. Im Anfang des Jahres 1534 erschienen auch zwei Abgesandte des Johann Matthys, um die Offenbarung des neuen Propheten zu verkünden. Nach einigen Tagen zogen sie zwar wieder weiter; am 13. Januar fanden sich aber zwei andere Sendlinge aus den Niederlanden ein, Gert (Gerhard) tom Kloster und Johann Bockelson aus Leyden. Letzterer, damals ein Mann von 25 Jahren, war für das Schneiderhandwerk erzogen worden, hatte sich aber auch mit den religiösen Fragen beschäftigt, die Schriften Hofmanns und Münzers gelesen und sich im November 1533 für die Lehre des Matthys gewinnen lassen. Als Apostel derselben machte er in Münster durch sein gewinnendes Wesen großen Eindruck. Knipperdolling, einer der Führer der Bewegung, nahm ihn in sein Haus auf und gab ihm nach einiger Zeit selbst seine Tochter zur Frau. Der Conflict der Parteien dauerte inzwischen fort. Der Rath erkannte auf’s Neue, aber wieder vergeblich, auf Ausweisung einiger Prediger der Secte. Im Februar 1534 drohte es zu einem gewaltsamen Zusammenstoß zu kommen. Indessen wurden wieder Verhandlungen angeknüpft, und sie endigten mit Anerkennung der Secte, während die Täufer versprachen, in weltlichen Dingen der Obrigkeit zu gehorchen. Der Schritt trieb von selbst weiter. Da er dem Reichsgesetz über die Wiedertäufer zuwider war, mußte es zu Gegenmaßreglen kommen; die Stadt mußte unter Umständen mit Gewalt zur Unterwerfung unter das Gesetz genöthigt werden. Infolge dessen verließen zahlreiche Personen aus der Ordnungspartei die Stadt; die Täufer luden umgekehrt ihre Gesinnungsgenossen in der Nähe und Ferne ein, zu ihnen zu komen, und die Werbung fand um so größern Anklang, als damals in den Niederlanden auf’s Neue gegen die Secte eingeschritten wurde. Am 21. März brachen 30 Schiffe aus der Umgegend von Amsterdam auf. Die Vorsicht der niederländischen Behörden vereitelte zwar den Plan. Die Schaaren wurden angehalten und überwältigt, die Führer hingerichtet, die Frauen und Kinder in die Heimat zurückgeschickt. Aber wenn auch die Massen nicht an’s Ziel gelangten, so doch zahlreiche Einzelne. Unter den Ankömmlingen befand sich auch Johann Matthys, der Prophet. Die Oppositionspartei kam am 23. Februar, als die Neuwahl der städtischen Obrigkeiten vorgenommen wurde, bereits zur Gewalt, indem das Bürgermeisteramt an Knipperdolling und seinen Gesinnungsgenossen Kibbenbroik gelangte. Die Folgen machten sich schon am andern Tage bemerklich. Die Häuser der Fraterherren und Johanniter wurden überfallen und geplündert, der Dom verwüstet. Kurz darauf wurde das Stift St. Moritz vor der Stadt dem Erdboden gleich gemacht; die herrliche Bibliothek, die Rudolf Langen gesammelt hatte, und mit ihr alle Urkunden und Documente, deren man habhaft werden konnte, wurden vernichtet. Da das Werk der Zerstörung nicht ohne Widerspruch vor sich ging, suchte man die widerstrebenden Elemente zu beseitigen. Matthys soll die Vernichtung der Gottlosen im buchstäblichen Sinne verlangt haben. Thatsächlich wurde am 27. Februar der Befehl erlassen, Alle müßten sich taufen lassen oder auswandern, und drei Tage später wurde der Befehl mit der Drohung verschärft, wer die Taufe noch länger ablehne und in der Stadt bleibe, solle hingerichtet werden. In derselben Zeit, wo die Stadt so von dem letzten Rest der »Ungläubigen« gesäubert wurde, näherte sich zwar eine Heeresmacht, um dem Treiben Einhalt zu thun. Der Bischof Franz von Waldeck hatte endlich so viel Truppen aufgebracht, daß er den Versuch, die Stadt zum Gehorsam zurückzuführen, wagen konnte, und so schwer und so langwierig auch das Unternehmen war, so hatte es doch Fortgang, da er bald bei den benachbarten Fürsten und zuletzt auch bei dem Reich Unterstützung fand. Die Schwärmer ließen sich aber dadurch nicht einschüchtern. Die höhere Hilfe, glaubten und erklärten die Führer, werde ihrer Sache auch fortan nicht fehlen. Die Bewegung ging noch weiter. Vor Allem wurde die Gütergemeinschaft durchgeführt. Alle hatten ihr Gold und Silber, geprägtes und ungeprägtes, darzubringen, und die Verwaltung des Gutes wurde sieben Personen unter dem Namen Diaconen übertragen. Um die von Außen drohende Gefahr zu beseitigen, ging eine Frau als neue Judith in das Lager vor der Stadt, ohne freilich ihren Zweck zu erreichen, da die Verheißung, die ihr zu Theil geworden, sie werde ohne Anfechtung durch die Gegner hindurchschreiten, sich nicht erfüllte. Ebenso wenig bewährte sich der Glaube des Propheten, als er infolge einer vermeintlich höhern Eingebung sich entschloß, als neuer Simson mit einigen Kampfgenossen den Belagerern entgegenzutreten. Das Wagniß bracht ihm am 5. April den Tod. Aber auch dieses Geschick brachte die Schwärmer nicht zur Besinnung. Es entstand wohl eine nicht geringe Aufregung. Bockelson wußte aber das Volk zu beruhigen, indem er die Erweckung eines neuen und höhern Propheten in Aussicht stellte, und zugleich wußte er sich ein solches Ansehen zu verschaffen, daß er in Bälde selbst als der neue Prophet anerkannt wurde. Die Würde machte ihn zum Gebieter der Stadt, und in kurzer Zeit kam der Umsturz zur Vollendung. Während bisher die alten städtischen Behörden noch bestanden, sollte, wie er in einer Offenbarung erfuhr, an die Stelle der menschlichen Obrigkeit eine göttliche treten, ein neues Israel nach dem Vorbilde des alten eingerichtet werden und unter Leitung des Propheten zwölf Älteste dem auserwählten Volke Gesetze geben. Der Vorschlag wurde als angeblich göttliche Befehl angenommen und mit Einrichtung der neuen Verfassung eine neue Gesetzestafel aufgestellt. Eine der Bestimmungen lautete: »Allem, was die heilige Schrift entweder verbietet oder gebietet, soll ein jeder Angehörige des neuen Israel unweigerlich nachkommen«, und auf Grund derselben wurde, indem man die im Alten Testamente vorkommenden Fälle von Polygamie und das Wort: »Seid fruchtbar und vermehret euch«, entsprechend deutete, am 23. Juli die Vielweiberei eingeführt; die Frauen wurden überdieß geradezu verpflichtet, einen Mann zu nehmen; die alten sollten wenigstens in den Schutz eines Mannes sich begeben. Da die Neuerung in der empfindlichsten und empörendsten Weise die Freiheit und das sittliche Gefühl verletzte, kam es wieder zu einer Erhebung. Der Aufstand wurde aber niedergeschlagen und diente der Sache des Propheten nur noch weiter. Die alte Wiessagung, daß in Israel einst ein König erstehen werde, der die ganze Welt beherrsche, sollte sich erfüllen, und da am 31. August gegenüber der bischöflichen Armee ein beträchtlicher Erfolg errungen wurde, schien die Zeit zur Ausführung des Planes gekommen zu sein. Der Goldarbeiter Dusentschur aus Warendorf, der jüngst zum Prophetenamt berufen worden war, verkündigte im Einverständniß mit den Führern das neue Königthum, indem er zugleich Johann von Leyden als den Auserwählten bezeichnete und die zwölf Ältesten aufforderte, ihr Amt zu Gunsten des neuen Königs niederzulegen und das Schwert ihm einzuhändigen, das sie als Symbol der Gewalt einst erhalten hatten. Der Vorschlag wurde, wie zu erwarten war, angenommen. Johann richtete sich sofort als König ein und umgab sich mit einem reichen Hofstaat. Das Schwert behielt er als ein wesentliches Recht der Krone selbst bei, zu seinem Stellvertreter aber als Scharfrichter ernannte er Knipperdolling; Rothmann wurde königlicher Redner und Sachwalter, Bernhard Krechting u. A. königliche Räthe u. s. w. Zur Königin ernannte er Divara, die Wittwe des Johann Matthys; daneben aber hatte er noch eine stattliche Anzahl von weiteren Frauen. Auf dem Marktplatze wurde ein Thron errichtet, auf dem er dreimal in der Woche mit großem Gefolge und umgeben von seiner Leibwache zu Gericht saß. Für das Volk wurden Festlichkeiten veranstaltet. Zugelich suchte man nach Außen zu wirken. Im October 1534 wurden angeblich infloge einer göttlichen Offenbarung 27 Männer als Apostel nach Soest, Warendorf, Osnabrück und Coesfeld geschickt, um diesen Städten das Wort Gottes zu verkünden. Rothmann veröffentlichte zu derselben Zeit das Buch »Von der Restitution oder Wiederherstellung der rechten und gesunden christlichen Lehre, Glaubens und Lebens«, eine Art Bekenntnißschrift der Secte, der er zwei Monate später »Das Büchlein von der Rache« folgen ließ. Die Zeit des Aufschwunges war indessen bereits vorüber. Die Vorgänge in der Stadt hatten die Behörden allenthalben zu größerer Wachsamkeit und Energie veranlaßt; die Emissäre fanden größtentheils den Tod, und die Hoffnung auf Befreiung von Außen verminderte sich. In der Stadt selbst wandten sich die Dinge mit der Zeit naturgemäß zum Schlimmern. Durch das Schreckensregiment, das ausgeübt wurde, ließ sich wohl jede allenfallsige Opposition niederhalten; aber der Hunger, der sich bei der Belagerung allmälig einstellte, ließ sich nicht ebenso bzwingen. Indem man dem nicht waffenfähigen Theil der Bevölkerung erlaubte, in einer bestimmten Frist die Stadt zu verlassen, während bisher die Thore stets verschlossen gehalten worden waren, wurde nur wenig erreicht, da bei der Strafe, die ihnen als Wiedergetauften drohte, nur ein paar Hundert hinweggingen. Die Noth dauerte fort, und wenn der König seine Hoffnung auch noch nicht aufgab und zwölf Herzoge wählen ließ, die, wenn ihm die Herrschaft über die Welt zufalle, die Regierung der Völker als seine Vasallen führen und zunächst die zwölf Thore der Stadt bewachen sollten, so zog sich das Verhängniß doch rasch zusammen. Die Schaar seiner Getreuen verminderte sich von Tag zu Tag. Hunger und Krankheit raffte die Einen dahin, das Schwert, das zur Aufrechterhaltung der Ordnung immer mehr gehandhabt werden mußte (am 3. Juni 1535 wurden 52 Personen hingerichtet), die Anderen, wieder Andere ergriffen die Flucht. Als im April 1535 die Reichsstände zu Worms Subsidien für die Belagerung bewilligten, wurde auf Drängen der Städte noch ein gütlicher Ausgleich versucht, und die Bürgermeister von Frankfurt und Nürnberg begaben sich zu Verhandlungen nach Münster. Der Versuch war erfolglos. Auf der andern Seite waren die Kämpfe dem Ende nahe. Indem durch Überläufer der Weg zur Überrumpelung der Stadt gezeigt wurde, kam es nach einer Blokade von 16 Monaten in der Nacht auf den 25. Juni 1535 endlich zur Erstürmung. Die Eroberung vollzog sich unter einem großen Blutbad, und darauf wurden zahlreiche Hinrichtungen mit dem Schwert vorgenommen. Der König und zwei seiner hauptsächlichsten Helfershelfer, Knipperdolling und Krechting, wurden zunächst ein halbes Jahr gefangen gehalten und am 22. Januar 1536 endlich einem exemplarischen Tode überliefert, ihre Leichname in eisernen Körben am Thurme der Lambertikirche aufgehängt. Mit diesem Ausgang war es um die Wiedertäuferei in ihrer radicalen Richtung geschehen. Es mochte ihr auch später nicht an Vertretern fehlen. Blinde Schwärmerei läßt sich durch nichts plötzlich beseitigen. Aber ihre geschichtliche Bedeutung war fortan dahin. Münster wurde wie die Stätte ihres Triumphes so ihr Grab. Dagegen wußte sie in der gemäßigten Form sich zu erhalten. Der Pfarrer Menno Simonis (s. d. Art.) trat ein Jahr nach der Eroberung Münsters zu der Secte über und wirkte für sie mit solchem Erfolge, daß sie nach ihm benannt wurde. In England entstand die verwandte Secte der Baptisten, die mit der Zeit zu großer Ausdehnung gelangte.

Die Bewegung der Wiedertäufer ist ein Product der religiösen Neuerung des 16. Jahrhunderts. A. Ritschl (Prolegomena zu einer Geschichte des Pietismus, in d. Zeitschrift für Kirchengeschichte II [1878], 1–55) glaubte sie aus dem Schoße der Tertiarier des Franciscanerordens ableiten zu sollen. L. Keller (s. u.) fand bei den Wiedertäufern eine Erneuerung der altevangelischen Richtung, die er bei den Waldensern und den verwandten Secten des Mittelalters wahrnahm. Die Auffassungen sind zweifellos unrichtig. Es war natürlich, daß sich die alten oppositionellen Elemente an die Bewegung anschlossen. Soweit man aber sieht, bildet die protestantsiche Lehre von der Bibel als der alleinigen Quelle des Glaubens ihren Ausgangspunkt. (Vgl. Ottius, Annales anabaptistici, Basil. 1672; Erbkam, Geschichte der protestantischen Secten im Zeitalter der Reformation, Hamburg-Gotha 1848; C. A. Cornelius, Geschichte des Münsterischen Aufruhrs, Leipzig 1855 und 1860, 2 Bde. [unvollendet]; E. Egli, Die Züricher Wiedertäufer zur Reformationszeit, Zürich 1878; Ders., Die St. Galler Täufer, Zürich 1887; L. Keller, Geschichte der Wiedertäufer und ihres Reiches zu Münster, Münster 1880; Ders., Die Reformation und die älteren Reformparteien, Leipzig 1885; R. Nitsche, Geschichte der Wiedertäufer in der Schweiz zur Reformationszeit, Einsiedeln 1885; Loserth, B. Hubmaier und die Anfänge der Wiedertäufer in Mähren, Brünn 1893; Ders., Der Anabaptismus in Tirol, im Archiv für österreichische Geschichte LXXVIII [1892], 427–604; LXXIX [1893], 127 bis 276; Ders., Der Communismus der Mährischen Wiedertäufer im 16. u. 17. Jahrhundert, ebd. LXXXI [1895], 135–322; Hofstede de Groot, Hundert Jahre aus der Geschichte der Reformation in den Niederlanden, aus d. Holländischen von Greeven, Gütersloh 1893; Detmer, Ungedruckte Quellen zur Geschichte der Wiedertäufer in Münster, in d. Zeitschrift für vaterländ. Geschichte und Alterthumskunde 1893, 90–118; Bahlmann, Die Wiedertäufer zu Münster, eine bibliograph. Zusammenstellung, ebd. 119–174; E. Müller, Gesch. d. Bernischen Täufer, Frauenfeld 1895; Rembert, Die Wiedertäufer im Herzogthum Jülich, Berlin 1899.)

[v. Funk.]


Zurück zur Startseite.