Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Xerophagien (ξηροφαγία, Xerophagiae, öfters auch umschrieben, z. B. aridus victus, comestio rerum aridarum s. siccarum) hießen in der alten Kirche die strengen Fasttage, an denen nur trockene oder eigentlich ungekochte Nahrungsmittel genossen werden durften, nämlich Brod, Salz, Wasser (Epiph. Expos. fid. 22) und nach Constit. Apost. lib. 5, 18 noch Gemüse. Dergleichen Fasten beobachtete die Christenheit im 4. Jahrhundert (stellenweise auch schon früher) in den sechs Tagen vor Ostern, also in der großen Woche, welche deshalb wohl auch ξηροφαγίας hieß (Epiph. Haer. 70, 12; 75, 3). Die apostolischen Constitutionen (aus dem Anfang des 5. Jahrhunderts) sprechen diese Observanz als Vorschrift aus, Epiphanius berichtet nur darüber als über eine thatsächlich bestehende Gewohnheit „des ganzen Volkes“. Es ist bei der Strenge der alten Kirche in diesem Punkte, von der sich niemand ausschließen durfte, auch kein Zweifel, daß im 4. Jahrhundert dieses Fasten als gesetzlich galt, um so mehr, da das Concil von Laodicea (343–381, can. 50) die Xerophagien für die ganze Fastenzeit vorschreibt. Doch scheinen darunter mildere Xerophagien (mit Früchten u. s. w.) verstanden zu sein, da ja noch Epiphanius von den Xerophagien der letzten Woche als einer Besonderheit dieser heiligen Tage spricht. Wenn übrigens Tertullian (De jejun. 1) sich bewogen findet, die Xerophagien der Montanisten gegen die Vorwürfe der Katholiken zu vertheidigen, so geschieht es nicht, weil die letzteren gegen die Xerophagien überhaupt, sondern weil sie gegen die abweichende, separatistische Fastenpraxis der Montanisten eiferten (s. d. Art. Montanismus VIII, 1834 ff.). – Die alten Mönche betracheteten die Xerophagien wohl als die entsprechendste Art des Fastens (Cassian. Collat. 2, 17. 19). Nicht unpassend hat man sich zur Rechtfertigung dieses religiösen Gebrauches auf Beispiele aus der heiligen Schrift berufen, z. B. Elias, Daniel, Johannes den Täufer. Auch die Therapeuten (s. d. Art.) hielten, wie Eusebius (H. E. 2, 17, 22) berichtet, an bestimmten Tagen ihre Xerophagien. Heutzutage beobachten in der griechischen Kirche nur noch die Mönche die Xerophagien in der Strenge der alten Zeit; für die Laien sind manche Milderungen eingetreten (s. d. Art. Fastenzeiten IV, 1262. 1266 f.). Von der ὑπέρϑεσις (Superpositio; s. d. Art.) unterscheidet sich die Xerophagie dadurch, daß diese Enthaltung von gewissen Speisen, jene Enthaltung von allen Speisen (besonders in den zwei letzten Tagen der Charwoche beobachtet) involvirt. Die syrischen Jacobiten beobachten ihre Fasten noch jetzt nach der strengen Vorschrift des Concils von Laodicea mit Xerophagie. (Vgl. Kiesling, De Xerophagia apud Judaeos et primos Christianos, Lips. 1746; Binterim, Denkwürdigkeiten V, 2, 65 ; A. Linsenmayr, Entwicklung der kirchlichen Fastendisziplin bis zum Konzil von Nicäa, München 1877, 118 ff.)

[Kerker.]


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