Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Zelt ist in der heiligen Schrift die mit dem nomadischen Leben unzertrennlich verbundene (Gen. 4, 20), eine zweite Culturstufe bildende Wohnung, die von den Patriarchen ihrer Lebensweise gemäß beibehalten wurde und, wie für eine spätere Zeit ausdrücklich bezeugt wird (Lev. 23, 43), auch den Israeliten vor ihrer Niederlassung in Canaan dienen musste (Gen. 13, 3; 18, 1. Ex. 33, 10). Diese gewöhnten sich an feste Wohnungen erst, nachdem sie die Canaaniter ausgerottet und deren Häuser bezogen hatten; nur die ostjordanischen Stämme behielten die nomadische Zeltwohnung ihres Hirtenlebens wegen länger bei, ebenso die Keniter (Richt. 4, 17) und die Rechabiten (Jer. 35, 6 ff.) Diese Wohnart war mit dem israelitischen Volksbewusstsein so verwachsen, dass noch in der spätern Sprache manche Ausdrücke daher ihre Bedeutung hatten, z. B. חָכָה, immittere, sich niederlassen, eigentlich die Zeltpfähle einsenken (Ps. 33, 8), כָסֵע, proficisci, eigentlich das Zelt abbrechen (Ex. 19, 2), הָלַרְ לאהֳלו, vadere in tabernaculum suum, heimkehren (3. Kön. 12, 16). Die biblischen Mittheilungen über die Beschaffenheit der Zelte lassen erkennen, daß sie, wie im Orient zu erwarten ist, von den heute im Morgenlande üblichen durchaus nicht verschieden waren. Der Stoff der Zelte bestand aus einem Haargewebe oder einem Filz von Thierhaaren, der von den Frauen und Sklavinnen auf ihren primitiven Webstühlen hergestellt wurde; erst in späteren und verfeinerten Zeiten war die Anfertigung desselben ein eigenes Gewerbe, das auch der hl. Paulus in Cilicien erlernt hatte (Apg. 18, 3). Zur Herstellung dienten entweder die Haare des Kameels, das seine Bekleidung einmal jährlich ganz abwirft, oder die Ziegenhaare, von denen der Filz eine dunkle Farbe bekam, so daß (Hohel. 1, 4) die Schwärze der arabischen Nomadenzelte besonders betont wird. Dieser Stoff ward in langen, schmalen Streifen oder Bahnen hergestellt, welche leicht zusammengeschnürt und transportirt werden konnten; dieselben wurden neben einander über ein Holzgerüst gelegt, welches dem Zelte die Form und den Halt geben musste. Ein solches Gerüst bestand aus einer Anzahl von je drei Pfählen, welche hinter einander senkrecht in den Boden gelassen und oben durch Stangen verbunden wurden. Die Zeltdecke ward aus den Filzstreifen gebildet, indem diese der Länge des Zeltes nach aneinandergelegt, zu beiden Seiten näher oder ferner bis auf den Boden gelassen und durch Bänder oder Holzstifte so fest mit einander verbunden wurden, daß sie den Regen wasserdicht ablaufen ließen. Zur Befestigung des Ganzen dienten lange Stricke, welche auf der First mit der Zeltdecke verbunden, am andern Ende aber durch die sogen. Zeltnägel oder Zeltpflöcke auf dem Erdboden befestigt waren. Ein solcher Zeltpflock war es, mit dem Jahel Sisara’’s Schläfe durchbohrte (Richt. 4, 21). Den hintern Abschluß des Zeltes bildete ebenfalls eine Filzwand. Im Innern war das Zelt durch Filzvorhänge, welche an den Stangen befestigt waren, in Abtheilungen zerlegt. Dem Eingange zunächst blieb ein quadratischer Raum, der zum Aufenthalte des kleinern Viehes oder auch der Dienerschaft bestimmt war; das übrige Zeltinnere war in zwei Räume getheilt, wovon der eine für den männlichen Theil der Familie, der andere für die Frauen bestimmt war. Die Männerhälfte diente auch als Speiseraum, die Frauenhälfte als eine Art von Rumpelkammer, in welcher mit anderem Geräthe z. B. die Kameelsättel aufbewahrt wurden (Gen. 31, 34). Geschlafen ward auf den Matten, mit welchen den Boden belegt war. Der dünne Abschluß machte leicht möglich, in den einzelnen Abtheilungen von dem Kenntniß zu nehmen, was in den übrigen vorging (Gen. 24, 67); Jacob war durch die große Zahl seiner Angehörigen genöthigt, die einzelnen Frauen mit ihren Kindern in verschiedenen Zelten unterzubringen (Gen. 31, 33). Außerdem gab es bei den Reichen auch eigene Zelte für die Sklaven und die einzelnen Bedürfnisse des Hauswesens. Für die Ärmeren dagegen mußten nach assyrischen Darstellungen auch die bei uns bekannten kegelförmigen Zelte dienen, die auf einer einzigen Stange ruhten, und solche Zelte dienten auch den Soldaten im Kriege (2 Sam. 11, 11). (Vgl. Gaber, Beobachtungen über den Orient I, Hamburg 1772, 76 ff.; Layard, Discoveries etc., London 1853, 151. 171. 261; Loftus, Trav. and Res. in Chaldaea and Susiana, London 1857, 140; Schegg, Bibl. Archäol. Freib. 1887, 21.)

[Kaulen.]


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