Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Zins und Wucher waren lange Zeit hindurch gleichbedeutende Begriffe, so daß der erstere ebenso als unrechtmäßig galt wie der letztere, und wurden auch vielfach durch dasselbe Wort ausgedrückt (Funk, Zins und Wucher, Tübingen 1868, 3. 55 und besonders 111 ff.; Ratzinger, Die Volkswirthschaft in ihren sittlichen Grundlagen, 2. Aufl., Freiburg 1895, 303 ff.; Cathrein, Moralphilosophie II, 3. Aufl., Freiburg 1899, 348), sind aber heute »zwei Begriffe die nichts miteinander gemein haben« (Weiß, Sociale Frage und sociale Ordnung [Apologie des Christenth. IV], 3. Aufl., Freiburg 1896, 782; Funk a. a. O. 113). Darnach ist Wucher (usura) »die Ausbeutung der Noth des Nächsten zu eigenem Gewinne« (Funk 197, bezw. 209), die aber nicht nur durch das Darlehen (s. d. Art. III, 1400 f.), speciell das Gelddarlehen, sondern durch die verschiedensten Verträge sich vollziehen kann, oder näherhin die Aneignung fremden Eigenthums im Tausch- und Darlehensverkehre (Ratzinger 259; Pesch, Zinsgrund und Zinsgrenze, in d. Zeithschrift für katholische Theologie, Innsbruck 1888, 38), indem augenblickliche Noth und Hilfsbedürftigkeit, Leichtsinn und Unerfahrenbeit nur die Momente der Schwäche bilden, die der überlegene Wucherer zur Aneignung des fremden Eigenthums benutzt (Ratzinger 260). Wie im Geldverkehr, wird in abgeleiteter Weise darum auch im übrigen Verkehr, sobald Aneignung fremden Eigenthums durch Ausbeutung der Noth, des Leichtsinns und der Unerfahrenheit vorliegt, die Bezeichnung Wucher gebraucht, weshalb man von Getreide-, Waaren, Mieth-, Häuser-, Kohlenwucher u. dgl. spricht. Des Wuchers kann sich aber nicht bloß der Creditgeber, sondern auch der Creditnehmer schuldig machen, indem er das gute Vertrauen des Darleihers ausbeutet, um sich dessen Vermögen anzueignen. So gibt es neben dem betrügerischen auch einen wucherischen Bankrott, der den Leichtsinn oder die Gutmüthigkeit des Darleihers mißbraucht (Ratzinger 260). Sittlich und rechtlich ist deshalb der Wucher ebenso strafwürdig wie Betrug, Diebstahl und Raub, und wirthschaftlich ist Wucher als Aneignung fremden Eigenthums immer gegeben, wenn »der Darleiher von dem aus Kapital und Arbeit geschaffenen Werthe als Kapitalvergütung einen so hohen Procentsatz wegnimmt, daß der Entleiher aus dem Productionsvertrage Verzinsung und Reproduktion des Kapitals nicht mehr ermöglichen kann« (Ratzinger 261). Begrifflich und sachlich ist nun vom Wucher wesentlich verschieden der Zins (census, interesse), d. h. »der dem Kapital gebührende Antheil an dem mittels desselben erzielten Gewinne« (Funk 215) oder kürzer die »Vergütung für Kapitalsnutzung« (Ratzinger 262). Als solche Vergütung für Kapitalsnutzung findet er seine moralische und juridische Rechtfertigung in dem Eigenthumsrechte, und seine wirthschaftliche Berechtigung und Nothwendigkeit liegt in der Beschränktheit der Naturgaben und Kapitalsgüter (Ratzinger a. a. O.; Funk 214 ff.).

Was nun die vielumstrittene Frage von der Erlaubtheit oder Unerlaubtheit des Zinsennehmens anlangt, so kommt in Betracht I. die Lehre der heiligen Schrift. 1. Im Alten Testamente lassen sich im Wesentlichen drei Klassen von hierher gehörigen Stellen unterscheiden. In der ersten ist das Zinsnehmen überhaupt und ohne nähere Bestimmung verboten (z. B. Ps. 14, 5; 54, 12); in der zweiten ist es bei dem Darlehen an Arme und Brüder untersagt (z. B. Ex. 32, 25. Lev. 25, 35 ff. Ez. 18, 8. 13); in der dritten ist dasselbe erlaubt, soweit es sich um Darlehen an Fremde, d. h. Nichtisraellten oder Ausländer, handelt (Deut. 23, 19 f.: »Leihe nicht auf Zins deinem Bruder Geld oder Speise oder andere Sachen, wohl aber Fremden. Deinem Bruder aber leihe ohne Zins das, was er bedarf«; vgl. Lev. 25, 35 ff. 2 Esdr. 5, 7). Da also bezüglich des Zinsnehmens zwischen dem Bruder und dem Fremden ein Unterschied gemacht, bezw. nur dem erstern gegen Zins zu leihen verboten ist, so folgt daraus, daß das Zinsenverbot nicht absolut verbindlich und dem Naturrecht angehörig, »der Zins nichts an sich Unerlaubtes ist, denn sonst hätte er den Juden in gar keinem Falle gestattet werden können, wie denn z. B. Raub und Diebstahl auch am Ausländer zu begehen verpöhnt war« (Hefele, Beiträge zur Kirchengesch. I, Tüb. 1864, 36; vgl. Funk 217 ff.). Das alttestamentliche Zinsenverbot gehört somit nur dem positiven bürgerlichen Gesetz Mosis an, und gemäß der ganzen mosaischen Volkswirthschaftsgesetzgebung konnten und durften die Juden unter sich Darlehen nicht zu eigentlichen kapitalistischen oder productiven Zwecken, sondern nur zu Zwecken augenblicklicher Nothhilfe geben und nehmen, während die Fremden jüdische Kapitalien nicht zu Zwecken des augenblicklichen Verbrauchs, sondern der Speculation, der wirthschaftlichen Unternehmung und Production borgten. Eben mit Rücksicht darauf erlaubt schon Moses, von den Fremden Zins zu nehmen (Linsenmann, Lehrbuch der Moraltheologie, Freiburg 1878, 561 f.). So liegt »in Wirklichkeit in der mosaischen Gesetzsetzgebung schon die allein richtige Lösung der ganzen Wucherfrage« (Linsenmann 561).

2. Das Neue Testament enthält nur eine Stelle, die auf unsern Gegenstand bezogen zu werden pflegt, Luc. 6, 34 f.: »Wenn ihr demjenigen leihet, von welchem ihr hoffet wieder zu bekommen, was ist euer Dank? Auch Sünder leihen Sündern, um das Gleiche wieder zu erhalten. Vielmehr liebet eure Feinde, thuet Gutes und leihet dar, ohne etwas dafür zu hoffen« (vgl. Matth. 5, 42). Ganz abgesehen davon, daß die Kirche (c. 10, X de usuris 5, 19) diese Worte als allgemein bindendes Gebot aufgefaßt hat, kann man sie schon nach dem Zusammenhang nicht ohne Weiteres als bloßen Rath erklären. Allein diese Schriftstelle enthält gar keine Beziehung auf die Zinsfrage, denn »es handelt sich hier nicht um den Verzicht auf die Zinsen, sondern auf das Kapital« (Schanz, Commentar über das Lucasevangelium, Tübingen 1883, 226; vgl. Ratzinger 305; Funk 220). Ein allgemeines Verbot des Zinsennehmens besteht somit weder im Alten noch im Neuen Testamente.

II. Die Lehre der kirchlichen Überlieferung. 1. Im kirchlichen Alterthum. So oft die Väter der vorconstantinischen Periode auf das Zinsnehmen zu sprechen kommen, erklären sie sich gegen dasselbe und führen als Grund dafür das alttestamentliche Zinsverbot an (die Namen der Väter und ihrer bezüglichen Schriften siehe bei Funk, Gesch. d. kirchl. Zinsverbotes, Tübingen 1876, 2 f.; Hefele a. a. O. 31 ff.). Speciell Lactanz (Divin. instit. 6, 18) führt überdieß die Forderung des natürlichen Rechtsbewußtseins, bezw. die Pflicht der Wohlthätigkeit an. Indessen gelang es nicht, diesen Forderungen im Leben allgemeine Geltung zu verschaffen. Auch in den folgenden Jahrhunderten wurde das Zinsdarlehen mißbilligt (die Belegstellen s. bei Funk, Gesch. 3 f.). Die Gründe für das Zinsverbot sind wieder vornehmlich biblische, werden aber nicht bloß dem Alten, sondern auch dem Neuen Testament (Luc. 6, 34 f. Matth. 5, 42; 18, 23–35; 6, 12) entnommen. Zu der Auctorität der heiligen Schrift kam das Ansehen heidnischer Philosophen und Staatsmänner (deren Lehre s. bei Cathrein a. a. O. II, 350). Außerdem schwebte Chrysostomus, Gregor von Nazianz und Gregor von Nyssa wohl das aristotelische Urtheil von der Unfruchtbarkeit des Geldes vor (Funk, Gesch. 4). Das Zinsverbot war somit in den Augen der Väter ein unbedingtes, indem das Zinsnehmen schlechthin und ohne Ausnahme getadelt wurde, sowohl den Reichen als den Armen gegenüber, sowohl wenn es mit Maß als ohne Maß getrieben wurde. Wie aber aus den Reden und Predigten gegen das Zinsnehmen erhellt, wurde die Lehre der Väter im Leben nicht allgemein befolgt (Funk, Gesch. 7), und zwar war nicht immer bloß Ungehorsam gegen das Gesetz, sondern die Überzeugung, daß das Zinsnehmen an sich erlaubt und namentlich das bezügliche Verbot des Alten Testaments für die Christen nicht verbindlich sei, der Grund dieses Handelns. Während die Synode von Elvira im J. 300 (c. 20) den Geistlichen und Laien das Zinsdarlehen verbot (Hardouin I, 252), beschränkten sich die Generalsynode von Arles im J. 314 (can. 12) und das erste allgemeine Concil von Nicäa im J. 325 (can. 17) darauf, nur die zinsnehmenden Cleriker mit der Excommunication bezw. Absetzung zu bestrafen (Hardouin I, 265 und 330). Das Zinsverbot der ersten öcumenischen Synode behauptete sich im Wesentlichen durch das ganze kirchliche Alterthum (über die einzelnen Synoden vgl. Funk, Gesch. 9 ff.), wurde aber nicht bloß für die griechische Kirche durch die trullanische Synode vom Jahre 692 (can. 10), sondern theilweise auch für das Abendland durch die Synode von Orleans im J. 538 (can. 27) abgeschwächt, indem das Zinsnehmen nur mehr den Clerikern vom Diacon an aufwärts untersagt wurde (Hardouin III, 1663; II, 1428). Im christlichen Alterthum wurde somit das Zinsnehmen von den Vätern für schriftwidrig und sündhaft erklärt und nachweisbar seit dem 4. Jahrhundert an den Clerikern mit Absetzung geahndet, während die Laien mit Kirchenstrafen verschont blieben. »Die Zinslehre der Väter war insofern nicht ohne Mängel, und die Kirche des Alterthums scheint dieses gewürdigt zu haben, indem sie nur den Clerikern, nicht aber auch den Laien gegenüber wegen des Zinsnehmens von ihrer Strafgewalt Gebrauch machte« (Funk, Gesch. 7; vgl. Funk, Zins und Wucher 220 ff.; Ratzinger 303 ff.; Hefele I, 35 f.; Linsenmann 562).

2. Im Mittelalter wurde im Gegensatz zu der griechischen Kirche (siehe darüber Funk, Gesch. 14–17) in der lateinischen die milde Praxis des Alterthums durch eine strengere insofern verdrängt, als das Zinsnehmen nicht nur an den Geistlichen, sondern auch an den Laien mit Strafen geahndet wurde, nämlich aus zwei englischen Synoden vom Jahre 787 (Hardouin III, 2078) und auf der Synode von Aachen im J. 789 (ib. IV, 827). Da das aus der Synode von Aachen gegebene allgemeine Verbot des Zinsnehmens nur eine Wiederholung des Capitulare Karls des Großen vom Jahre 789 war, war jetzt das Zinsnehmen staatlich und kirchlich allgemein verboten. Damit war ein Umschwung in der Behandlung der Zinsfrage herbeigeführt. Sicherlich hat Cardinal de la Luzerne nicht Unrecht, wenn er in dem mangelhaften Verständniß der Väter- und der Concilienstellen einen der Gründe für diesen Umschwung zu sehen glaubt; der tiefere Grund aber lag in den wirthschaftlichen Verhältnissen der Zeit, indem im Anfang des Mittelalters Darleihen vorwiegend nur zu consumtiven Zwecken begehrt wurden und eine Zinsforderung unter dieser Voraussetzung als eine gewinnsüchtige Ausbeutung der Noth des Nächsten galt (vgl. Funk, Gesch. 19). Es ist nicht nöthig, hier die Bestimmungen der einzelnen Synoden anzuführen (vgl. Funk, Gesch. 20 ff.), denn alle Kirchenversammlungen, welche sich mit der Zins- und Wucherfrage befassen, verurtheilen jedes Zinsnehmen auf Grund des bloßen Darlehens. Speciell verurtheilt das 15. allgemeine Concil von Vienne (1311) die hartnäckige Behauptung, das Zinsnehmen oder der Darlehenszins sei erlaubt (exercere usuras non esse peccatum), als häretisch (Funk, Gesch. 26 f.; Cathrein 350 f.). Mit dieser Synode hatte die kirchliche Zinsgesetzgebung ihren Höhepunkt erreicht, und fortan galt es nur mehr, die erlassenen Decrete zur Ausführung zu bringen. Seit dem 13. Jahrhundert erfuhr die Zinsfrage auch eine eingehendere wissenschaftliche Behandlung, indem die Scholastik sich nicht mit der Auctorität der heiligen Schrift und der Väter begnügte, sondern vernunft- oder naturrechtliche Gründe für das Zinsverbot vorbrachte. Die scholastische Zins- und Wuchertheorie, wie sie von Alexander von Hales (Universae theol. Summ. 3, 36, 4), Albert dem Großen (Comment. in Sent. l. 3, dist. 37, a. 13 sq.) und besonders Thomas von Aquin (S. th. 2, 2, q. 78, a. 1–4; De malo q. 13, a. 4) ausgebildet und begründet wurde, beruht vor Allem aus dem Satze, daß im Darlehensvertrag die einem Andern zum Gebrauch überlassene Sache gegen die Verpflichtung zu einem gleichwerthigen Ersatze in dessen Eigenthum übergehe, während sie beim Mietsvertrag Eigenthum des Vermiethers bleibe: also sei die Forderung eines Darlehenszinses schlechthin unzulässig, weil sie sich auf eine Sache stütze, die nicht mehr dem Mutuator (Darleiher), sondern dem Mutuatar (Entleiher) angehöre. Einen Hauptgrund, auf den man sich für das Zinsverbot berief, bildete sodann die Natur (Unfruchtbarkeit) des Geldes als einer Sache, die durch den Gebrauch selbst verloren gehe, bei der man daher in Tauschgeschäften nicht die Substanz der Sache (res) und den Gebrauch (usus) derselben getrennt in Anrechnung bringen dürfe, ohne die ausgleichende Gerechtigkeit zu verletzen. Wer einem Käufer die Substanz des Weines (vinum) und einem andern den Gebrauch (usus vini) verkaufen wollte, würde gegen die Gerechtigkeit verstoßen, weil er entweder das Nämliche zweimal verkaufte oder etwas verkaufte, was gar nicht vorhanden ist. So sei es auch mit dem Gelde, das nach der Erklärung des Aristoteles (De rep. l. 1, c. 3) in erster Linie den Tausch zu vermitteln habe und zu denjenigen Dingen gehöre, bei denen der Gebrauch mit dem Verbrauch zusammenfalle; folglich sei es an sich unstatthaft, für seinen Gebrauch (usus) eine Vergütung (usura) zu nehmen (vgl. S. Thom, l. c. a. 1: Pecunia autem secundum Philosophum principaliter est inventa ad commutationes faciendas, et ita proprius et principalis pecuniae usus est ipsius consumptio sive distractio, secundum quod in commutationes expenditur. Et propter hoc secundum se est illicitum pro usu pecuniae mutuatae accipere pretium, quod dicitur usura). An die Lehre des hl. Thomas hielten sich auch die späteren scholastischen Theologen. Selbst Duns Scotus traf in dieser Frage mit ihm zusammen, denn auch ihm war der Darlehenszins als solcher Wucher (Sentent. l. 4, dist. 15, q. 2). Hatten die Väter überall da Wucher gesehen, wo mehr empfangen als gegeben wurde, so beschränkten die Scholastiker denselben nach und nach auf den Gewinn, der aus dem Mutuum als solchem gezogen wird. Usura est locum ex mutuo pacto debitum vel exactum, erklärte z. B. Raimund von Pennaforte (Summa l. 2 de usuris et pignoribus § 1), und noch bestimmter drückte sich Antonin von Florenz aus: Usura est lucrum ex mutuo principaliter intentum (S. theol. p. 2, tit. 1, c. 6, § 1). Somit ist Wucher der Gewinn, der aus dem Darlehen als solchem, oder wie Benedikt XIV. später erklärte, praecise ratione mutui (De synodo dioec. 10, c. 2, n. 2) genommen wird. Das fünfte Lateranconcil vom Jahre 1515 (Bulle Leo’s X. Inter multiplices), das die früheren kirchlichen Zinsverbote erneuerte, gab zugleich eine Begriffsbestimmung des Wuchers. Darnach besteht das eigentliche Wesen des Wuchers darin, daß man aus dem Gebrauch einer unfruchtbaren Sache ohne Arbeit, ohne Kosten und ohne Gefahr Gewinn und Frucht zu ziehen sucht (Denzinger, Enchiridion, 8. ed., Wirceb. 1899. n. 623). In der Verurtheilung dieses Zinsnehmens aus dem Gelddarlehen (um des Darlehens willen) waren die Canonisten und Theologen das ganze Mittelalter hindurch einstimmig. Wenn dagegen zu einem Darlehen besondere Gründe (Rechtsgründe, Rechtstitel, Zinstitel) hinzukamen, die eine Zinsforderung zu rechtfertigen schienen, so fiel diese nicht mehr unter den Begriff des Wuchers. Als solche Zinstitel pflegen bei den älteren Moralisten und Rechtslehrern folgende aufgezählt zu werden: a. entstehender Schaden (damnum emergens), b. Gewinnverlust (lucrum cessans), c. besondere Gefahr (Risico) für das geliehene Kapital (periculum sortis), d. vereinbarte Strafe (poena conventionalis; vgl. Funk, Zins und Wucher 78 ff.; Geschichte des Zinsverbotes 40 ff. und den Art. Conventionalstrafe III, 1046). Es durfte also außer der Rückgabe der Darlehenssumme noch eine Vergütung oder Entschädigung ausbedungen werden, wenn dem Darleiher durch das Darlehen ein Schaden entstand oder ein Gewinn entging, oder wenn das Kapital durch das Darlehen einem besondern Risico ausgesetzt war, oder wenn der Entleiher ausdrücklich versprach, für unentschuldbares Nichteinhalten des Zahlungstermins eine besondere Strafe zu bezahlen. In allen diesen Fällen handle es sich nämlich nicht um das Darlehen als solches, sondern um Entschädigung für einen Nachtheil oder eine Gefahr, die man zu Gunsten des Nächsten auf sich nehme, und die man nicht unentgeltlich auf sich zu nehmen brauche. Eine eingehende Kritik der Theorie der Zinstitel, die nur unter größeren oder kleineren Kämpfen sich volle Anerkennung zu erringen vermochten, findet sich bei Funk (Zins und Wucher 119–150; vgl Linsenmann 564 ff.; Ratzinger 278 ff.). Weitere und praktischere Ausnahmen vom Zinsverbot waren der Rentenkauf (s. d. Art. X, 1059 f.), die Staatsanlehen (montes) und die Leihanstalten (s. d. Art.; zu allen drei Ausnahmen vgl. Funk, Zins und Wucher 62 ff.; Geschichte des Zinsverbotes 42 ff.). So war denn in der letzten Hälfte des Mittelalters der Boden des Zinsverbotes vielfach durchlöchert, indem einerseits der Darlehenszins (vi mutui, auf Grund des Darlehens selbst) für Wucher erklärt und darum absolut verboten, andererseits aber zugleich auf Grund besonderer Zinstitel oder in anderen Rechtsformen das Zinsnehmen vielfach gestattet wurde (Funk, Gesch. 53 f.).

3. Auch in der Neuzeit wurde für’s Erste der alte Wucherbegriff festgehalten. In Übereinstimmung mit den Moralisten seiner Zeit definirt z. B. der hl. Alfons von Liguori den Wucher als lucrum immediate proveniens ex mutuo, ita ut mutuans supra sortem, id est summam capitalem lucretur aliquid, quod sit pecunia aestimabile, ita ut lucrum tale praecise intendatur ratione mutui, und bezeichnet ihn zugleich als schweres Vergehen gegen das menschliche und göttliche Recht, da der Mutuator einen Gewinn aus einer Sache ziehe, die infolge des Eigenthumswechsels im Darlehensvertrag nicht mehr ihm gehöre (Theol. mor. l. 4, n. 758). Auch die Reformatoren Luther, Melanchthon (der sich übrigens nicht gleich blieb) und Zwingli »verwarfen im Einverständniß mit der alten Kirche das Nehmen von Zinsen« (Herzog-Hauck, Real-Encyklopädie für prot. Theol. und Kirche XVII, 2. Aufl., 346 mit den näheren Nachweisen). Für’s Zweite wurde das Zinsverbot durch zahlreiche Synoden (s. Funk, Gesch. 54 f.) unter Androhung der durch die mittelalterlichen Concilien festgesetzten Strafen eingeschärft. Andererseits aber zeigte sich auch das sichtliche Bestreben, dem Kapitalverkehr rechtliche Bahnen zu eröffnen. Mehrere Synoden (s. Funk a. a. O. 55) erklärten das Zinsnehmen auf Grund des damnum emergens und lucrum cessans ausdrücklich für erlaubt. Von großer Bedeutung ist sodann die Weiterbildung des Rentenkaufs, hinsichtlich dessen seit dem 16. Jahrhundert auch dem Käufer ein Kündigungsrecht eingeräumt wurde, sowie die Anerkennung des contractus trinus. Derselbe besteht aus drei Verträgen, aus einem Gesellschafts- und zwei Assecuranzverträgen (Funk, Zins und Wucher 84 ff.; Geschichte des Zinsverbotes 57 ff.; Linsenmann 567), ist also eine Combination, aus welcher sich vollkommen das ergibt, was man heutzutage ein verzinsliches Productivdarlehen nennt. »Die Scholastik hatte damit eine große That vollbracht. Sie war zwar nicht im Stande gewesen, die Burg des Zinsverbotes zu nehmen, aber sie hatte sie von zwei Seiten umgangen und dem Kapitalverkehr einen zweifachen Weg erschlossen. Der Kapitalist konnte nach ihrer Doctrin, um einen Gewinn aus seinem Gelde zu ziehen, den contractus trinus abschließen, und dessen Anwendung war immer möglich, so oft es sich um eine productive Anlage des Kapitals handelte. Er konnte sich aber auch auf den Rentenkauf einlassen, und die beengenden Schranken, mit denen derselbe früher umgeben gewesen war, bestanden jetzt nicht mehr. Der Vertrag konnte unter allen Umständen abgeschlossen werden, und die contrahirenden Theile waren in ihrer Action vollkommen frei. Der Verkäufer konnte die Schuld ebenso jederzeit heimzahlen, als es dem Käufer zustand, sein Kapital zurückzufordern. Nur Eines war dabei zu beobachten. Die Ausdrücke Darlehen und Zins durften nicht gebraucht werden, denn das Zinsdarlehen galt noch als Wucher und seine Anwendung als schwere Sünde« (Funk, Gesch. 60). So war durch das Zinsverbot niemand mehr beengt; trotzdem aber war, wie die wiederholten Klagen der Synoden über den Wucher beweisen (Funk, Gesch. 61), das Zinsdarlehen sehr im Schwunge. Überdieß wurde staatlicherseits das Zinsverbot aufgehoben, bezw. das Zinsnehmen nicht mehr an sich, sondern nur mehr die Forderung von Übermäßigen Zinsen als Wucher verfolgt. Auch theologischerseits und kirchlicherseits wurden jetzt die mittelalterlichen Zinstitel um den titulus legis civilis vermehrt, kraft dessen die Zinsforderung als erlaubt gilt, wenn sie durch das bürgerlich-weltliche Gesetz gestattet wird. Dieser neue Zinstitel, der sittlich nicht ohne Bedenken ist (Funk, Zins und Wucher 135; Geschichte des Zinsverbotes 62 f.; Linsenmann 565 f.) und namentlich von Concina (s. Barth, De statuto principis art. III, § 26–64, bei Migne, Theol. curs. compl. XVI, 1017 sqq.) scharf bekämpft wurde, stammt wohl von dem spanischen Jesuiten Jacob Ledesma (Funk, Gesch. 62), ist aber jedenfalls von Vitus Pichler S. J. und nach ihm von vielen Anderen (vgl. Theol. Wirceb., tract. de contract. n. 201; Gury, Theol. mor. I, n. 864) vertheidigt worden (Cathrein a. a. O. 352). Freilich ist nach dieser Ansicht nicht das Darlehen selbst (mutuum per se), sondern die Erlaubniß der öffentlichen Gewalt der Zinstitel bezw. der Zins eine dem Darleiher öffentlich zuerkannte Prämie, aber man fühlt doch aus diesen Ausführungen der Gelehrten heraus, daß das Zinsverbot in seiner frühern Strenge infolge der veränderten Lage den allergrößten Schwierigkeiten begegnete (Cathrein a. a. O.), denn alle bisher genannten Versuche, die Zinsfrage zu lösen, beruhen auf einer Umgehung des Zinsverbotes. Thatsachlich war die Lehre von der Sündhaftigkeit des Zinsnehmens auch in der Neuzeit niemals in das Fleisch und Blut des Volkes übergegangen und das Zinsverbot durch die Anerkennung des Rentenkaufes und des contractus trinus im Wesentlichen illusorisch geworden (Funk, Gesch. 63). Wenn es auch zweifelhaft ist, ob Eck (vgl. J. Schneid, Dr. J. Eck und das kirchliche Zinsverbot, Hist.-polit. Blätter CVIII [1891], 241 ff. 473 ff.) und durch ihn angeregt Major von Paris für die Erlaubtheit des Zinsdarlehens eintraten, sicher ist, daß Calvin das Zinsnehmen gestattete, indem er dem alttestamentlichen Zinsverbot als einer politischen Einrichtung für die Christen keine Verbindlichkeit zuerkannte und die Auffassung von Luc. 6, 35 im Sinne eines Zinsverbotes bestritt, freilich ohne selbst bei seinen Anhängern vollen Glauben zu finden (Herzog-Hauck a. a. O. 347 f. mit den betreffenden Belegen), und daß der französische Jurist Dumoulin die herrschende Theorie der Scholastiker, das Zinsnehmen sei etwas an sich Böses, als eine irrige Ansicht bekämpfte, indem das Zinsdarlehen in Wahrheit nicht zum Nachtheile, sondern zum Vortheile des Mutuatars sei (Funk, Gesch. 64). Da Dumoulin einige Zeit zu den Protestanten in freundlichen Beziehungen stand, wurde seine Lehre als calvinische Häresie abgewiesen, weßhalb »in der nächsten Zeit von keinem Katholiken mehr der Versuch gemacht wurde, den Bann zu lösen, der von Alters her auf dem Zinsdarlehen lastete« (Funk a. a. O. 65). Da aber »die Gründe, die im Falle eines Productivdarlehens für die Zinsforderung geltend gemacht werden konnten, zu einleuchtend waren, als daß man sich ihrem Gewicht auf die Dauer hätte entziehen können, und da die Verwandtschaft zwischen Zinsdarlehen, Rentenkauf und contractus trinus zu groß war, als daß nicht die Anerkennung der letzteren allmälig auch zur Anerkennung des erstern hätte führen müssen«, so ward im 17. Jahrhundert »die hergebrachte Theorie wenigstens insoweit verlassen, daß das Zinsnehmen nicht mehr als Verstoß gegen das Naturrecht betrachtet wurde«. Ja Einige hielten das Zinsdarlehen überhaupt für etwas an sich Erlaubtes oder »meinten es wenigstens dann rechtfertigen zu können, wenn der Zins nur als eine Schuld des Wohlwollens und der Dankbarkeit, nicht auch der Gerechtigkeit ausgefaßt werde, oder wenn der Gläubiger sich verpflichte, das Kapital vor einer bestimmten Zeit nicht zurückzufordern« (Funk 65). Diese Neuerung wurde indessen durch die Päpste Alexander VII. (Prop. damn. 42; Denzinger, Enchirid., 8. ed., 257. n. 1013; Lehmkuhl, Theol. mor. II, 9. ed., Frib. 1898, 743) und Innocenz XI. (Prop. damn. 41 et 42; Denzinger 261, n. 1058 sq.; Lehmkuhl 745) zurückgewiesen. Als um das Jahr 1740 die Stadt Verona ein Anlehen zu 4 Procent aufnahm, wie andere italienische Städte wiederholt schon im Mittelalter Anlehen contrahirt hatten (Funk 48 f.), wurde der gelehrte Scipio Maffei (Funk, Scipio Maffei und das kirchliche Zinsverbot, in »Theol. Quartalschrift«, Tübingen 1879, 6 ff.; Geschichte des Zinsverhots 67 f.) von verschiedenen Seiten aufgefordert, die Zinsfrage einer reiflichen Untersuchung zu unterziehen. Dabei kam er zu dem Resultate, daß erstens durch die heilige Schrift, die Väter, die Concilien und die Päpste nicht jeder, sondern nur der erdrückend hohe und von den Armen erpreßte Zins verboten, zweitens die Forderung eines mäßigen Zinses Reichen gegenüber an sich nicht ungerecht sei, denn die Theorie von der Unfruchtbarkeit des Geldes und des Eigenthumswechels im Mutuatarvertrage sowie die Annahme, daß beim Geld der Gebrauch von der Sache nicht getrennt werden könne, sei unhaltbar. Seine Schrift (Dell’ impiego del danaro, Verona 1744, 2. ed. Roma 1846), die dem Papste Benedict XIV. gewidmet war, rief eine große Aufregung hervor, so daß Benedict XIV. eine Commission von Cardinalen, Prälaten und Theologen, unter diesen den Dominicaner Concina (s. d. Art. III, 812), beauftragte, die kirchlichen Grundsätze der Zins- und Wucherfrage von aller parteilichen Zu- und Abneigung darzulegen. Das in fünf Sätzen bestehende Gutachten (Denzinger 290, n. 1318 sqq.) bestätigte der Papst in der Encyklica Vix pervenit vom 1. November 1745 (Wortlaut derselben u. a. bei Liguori. Theol. mor., ed. Haringer III, Ratisb. 1846, 356 bis 361). »Darin wird einerseits die alt hergebrachte Theorie aufrecht erhalten und der aus dem Darlehen und Kraft des Darlehens bezogene Gewinn als Wucher bezeichnet, so daß jeder Darlehenszins an sich als sündhaft erscheint, mag er groß oder klein sein, mag er von Armen oder Reichen genommen oder mag das bezügliche Darlehen von dem Mutuatar zur Befriedigung seiner Noth oder zu seiner Bereicherung verwendet werden. Andererseits wird eine Zinsforderung für den Fall als zulässig erklärt, daß zu dem Darlehen noch besondere, mit ihm keineswegs naturgemäß verbundene Titel hinzukommen, die sie rechtfertigen, oder daß die Kapitalanlage in anderen gerechten Vertragsformen sich vollziehen läßt. Es wird zugestanden, daß dieses häufig geschehen könne, zugleich aber auch die Anschauung abgewiesen, eine mäßige Zinsforderung, sei es bei Darlehen auf Grund besonderer Titel, sei es bei Anwendung von anderen Verträgen, sei immer erlaubt, und dagegen Berufung auf die heilige Schrift, die Lehre der Kirche und die menschliche Vernunft eingelegt, da es niemandem entgehen könne, daß es Fälle gebe, in denen der Mensch dem Nächsten mit einem reinen und unentgeltlichen Darlehen beizuspringen verpflichtet sei. Es wird geboten, diese Lehre vorzutragen, und für den Fall der Aufstellung einer gegentheiligen Lehre wird mit Censuren gedroht. Die unter den Theologen und Canonisten streitigen Fragen, von deren Lösung Umgang genommen wird, werden dem Urtheile der Gelehrten überlassen, und dabei wird die Mahnung an dieselben gerichtet: sie möchten sich vor den Extremen hüten, die immer falsch seien, und die hier darin beständen, daß Einige jeden aus dem Geld gezogenen Gewinn für ungerecht und wucherisch halten, während umgekehrt Andere die Nachsicht so weit treiben, daß sie jeden Gewinn von Wucher freisprechen; und sie möchten die Controverse über den Wucher nicht, weil ja doch bei jedem Darlehen meistens ein Zins genommen werde, für einen bloßen Wortstreit halten« (Funk, Geschichte des Zinsverbotes 67 f.; Lehmkuhl I, 687). Diese letzte größere Entscheidung der Kirche gegen das Zinsnehmen erkennt somit die äußeren Zinstitel an, verwirft aber mit aller Entschiedenheit den Zins auf Grund des bloßen Darlehens als solchen (omne lucrum ex mutuo ratione mutui). Erst im 19. Jahrhundert hat die Kirche eine wesentliche Milderung in ihrem Verfahren eintreten lassen, nachdem schon die französische Revolution das Zinsverbot aufgehoben und der Cardinal de la Luzerne, Bischof von Langres, ebenso entschieden als sachkundig den Satz vertheidigt hatte: »der Christ sei nur dann zur Reichung eines unentgeltlichen Darlehens verpflichtet, wenn der Entlehner ein Armer und der Zweck des Darhehens die Befriedigung der nothwendigen Bedürfnisse sei, aber einem Reichen gegenüber oder wenn das Darlehen zu einer gewinnbringenden Unternehmung bestimmt sei, sei das Zinsnehmen an sich gestattet« (Funk Gesch 69). Zwar ist eine förmliche kirchliche Entscheidung zu Gunsten der Erlaubtheit des Zinsnehmens bis zur Stunde noch nicht erfolgt, aber aus verschiedene Anfragen haben die römischen Congregationen doch wiederholt erklärt, man solle diejenigen, welche einen mäßigen Zins nehmen, im Gewissen nicht beunruhigen, sofern sie nur bereit seien, sich den etwaigen kirchlichen Entscheidungen zu unterwerfen: non esse inquietandos, dummodo parati sint stare mandatis S. Sedis (Apostolicae Sedis responsa authentica et instructiones circa lucrum ex mutuo, Rom. 1873, abgedruckt in der Collectio Lacens. VI, 71, 677 ad 690, theilweise auch bei Lehmkuhl I, 694 sqq.; Elbel-Bierbaum, Theol. mor. II, 2. ed., Paderb. 1894, 202 sqq.; Sporer-Bierbaum, Theol. mor. II, Paderb. 1900, 790 sqq.). Während anfänglich diese Erklärungen durch den Beisatz eingeschränkt wurden, es sei gestattet, den Zins zu nehmen, welchen die Landesgesetze erlauben (titulus legis civilis), ist in den späteren Antworten dieser Zusatz fortgefallen (Lehmkuhl I, 694). Obwohl nun ein formelles definitives Aufhebungsdecret noch nicht vorliegt, haben diese Entscheidungen des apostolischen Stuhles nach der Erklärung fast aller Moraltheologen doch nicht den Sinn einer bloßen Duldung, sondern den einer wirklichen Erlaubniß (Gury-Ballerini, Theol. mor. I, 2. ed., 605; Pruner, Lehrbuch der katholischen Moraltheologie, 2. Aufl., Freiburg 1883, 608; Cathrein II, 351; Göpfert, Moraltheologie II, 2. Aufl., Paderborn 1900, 154). Die den Entscheidungen stereotyp beigefügte Clausel der Bereitwilligkeit, sich etwaigen Erklärungen des heiligen Stuhles zu fügen, nimmt Rücksicht auf die wenn auch nicht wahrscheinliche, so doch nicht unmögliche Eventualität, daß die gegenwärtigen wirthschaftlichen Verhältnisse, in denen das Geldkapital den Schwerpunkt des Vermögens bildet, sich ändern könnten (Lehmkuhl I, 698; Pruner 608 f.). Die Entscheidung des heiligen Officiums vom 28. Februar 1872 (Collectio Lac. VI, 690) hat die Erlaubtheit des Zinsnehmens ausdrücklich auch auf die Geistlichen, Klöster und kirchlichen Stiftungen ausgedehnt. Über die veränderte Stellung der Kirche zum Zinsnehmen ist bei Cathrein (859 ff.), Lehmkuhl (I, 697 sq.), Funk (Zins und Wucher 91 ff.), Pesch (60 ff.) und Ratzinger (380 ff.) eingehend gehandelt. Ohne Zweifel gehört es zu den hervorragendsten Verdiensten der katholischen Kirche um die menschliche Gesellschaft, daß sie gegen Wucher und Wucherer jederzeit mit allen ihr zustehenden Mitteln eingeschritten ist. Über die kirchliche und bürgerliche Ahndung des Wuchers siehe Hollweck, Die kirchlichen Strafgesetze, Mainz 1899, 276 f.; Santi-Leitner, Praelectiones juris canonici V, Ratisb. 1899, 149; Sehling, Die Gesetzgebung des deutschen Reiches, Leipzig 1894, 171 (Gesetze vom 24. Mai 1880 und 19. Juni 1898); Das Bürgerliche Gesetzbuch für das Deutsche Reich § 138; Strafgesetzbuch für das Deutsche Reich § 302. – Aus dem Gesagten ergibt sich klar, daß »die Kirche ehemals den reinen Zins aus dem Darlehen an und für sich als Wucher verworfen hat, heute aber in der Praxis den mäßigen Zinsbezug duldet« (Pesch 37) oder richtiger (s. oben) erlaubt, und mit Recht, denn »heute wird das Geld allgemein als gewinnbringend angesehen« (Cathrein 353), und »dank der Börse und den trefflichen Verkehrsmitteln begegnet jetzt die nutzbringende Anlage auch des kleinsten Kapitals keinen erheblichen Schwierigkeiten mehr« (Schneid 257). Jedenfalls steht, was das Gelddarlehen betrifft, die Präsumtion zur Zeit für den productiven Character des Geldes, so daß man wohl kaum mehr von einem consumtiblen Gelddarlehen reden kann. Da nun ein Kapitalist niemandem, auch nicht dem Armen gegenüber, ex justitia verpflichtet ist, auf einen Ertrag oder Nutzen zu verzichten, der aus seinem Eigenthume erwächst, so ist ein unbedingtes Zinsrecht anzuerkennen, d. h. ein mäßiger Zinsbezug ist nicht ungerecht, nicht Wucher (vgl. Lehmkuhl I, 698 sq.; Schneid 259). Anders freilich verhält es sich mit den Liebespflichten. Mit einem bedrängten Schuldner muß der Gläubiger nicht bloß Mitleid haben, sondern ist ex caritate verpflichtet, demselben je nach der Größe seiner Bedürftigkeit durch Almosen bezw. durch den Verzicht auf eine berechtigte Entschädigung für einen entgehenden Gewinn zu helfen. Ein solches Darlehen ist ein Liebesdienst in der Noth des Nächsten, und ein Zinsenbezug aus demselben wäre Bereicherung aus der Noth und dem Ruine des Nebenmenschen, denn das entscheidende Moment des Wuchers liegt in der wirthschaftlichen Situation des Entleihenden, nicht des Darleihenden. Zwar ist moralisch und rechtlich die Willensrichtung des Darleihers von größtem Belange, aber für die wirthschaftliche Begriffsbestimmung des Darlehens bezw. des Wuchers ist der Gewinnantheil des Productionsertrages ausschließlich maßgebend. Die Höhe des Zinsfußes richtet sich darum nach dem Gewinne, den die dargeliehene Sache nach Zeit, Ort oder Umständen abwirft. »Für den Landwirth, welcher nur mit 3–4 Procent Reingewinn arbeitet, sind 5–6 Procent schon Wucherzinsen. Der Gewerbsmann, welcher durchschnittlich 10 Procent gewinnt, kann vielleicht 4 bis 6 Procent, der Händler, welcher bei günstigen Conjunctionen 30–40 Procent gewinnt, kann auf kurze Zeit sogar 12–20 Procent zinsen, ohne daß Wucher vorläge. Deßhalb ist es unmöglich, für Landwirthschaft, Gewerbe, Handel einen gleichmäßigen Zinsfuß festzusetzen. Die Schranke, welche für den Großhandel viel zu eng wäre, würde für den Landwirth die Höhe unerschwinglicher Wucherzinsen bedeuten. Ebenso absurd ist es, wenn man einen einheitlichen Maßstab an verschiedenen Zeiten mit gänzlich verschiedenen wirthschaftlichen Verhältnissen anlegt, wie dieß so regelmäßig geschieht. Was in der einen Zeit schon schändlicher Wucher ist, kann in einer anderen Periode bei wesentlich erhöhtem Productionsgewinne noch erlaubte Kapitalsvergütung sein« (Ratzinger 261 f.). Da nun nach christlicher Anschauung nur derjenige Besitz, welcher ehrlich und redlich durch (Erbe oder) Arbeit erworben wird, berechtigt ist, so gelten für die Moral und das Recht in Bezug auf die Zins- und Wucherfrage folgende zwei Grundsätze, die den jeweiligen volkswirthschaftlichen Verhältnissen anzupassen sind: 1. Der rein lucrative Erwerb ohne Arbeit, der keine Werthe schafft, sondern den Gewinn nur auf Verluste Anderer basirt, ist unsittlich und darum unerlaubt und soll auch vom Rechte geächtet und vom Strafgesetze getroffen werden, denn Jeder muß durch productive Arbeit sich sein Brod verdienen. 2. Die Leihe von Besitz (Kapital) an Besitzlose gegen eine mäßige Entschädigung (Zins), das verzinsliche Darlehen, durch welches diese Gelegenheit erhalten, durch die Fructificirung des Darlehens mit der Arbeit auch ihrerseits den nöthigen Antheil an den Lebensgütern sich zu verschaffen, ist als solches nicht bloß erlaubt, sondern eines der größten Wohlthaten, »weil dadurch das Ideal, Allen den möglichen Antheil an den Gütern der Erde zur Befruchtung durch Arbeit gewähren zu können, der Erfüllung näher gebracht wird« (Ratzinger 275). Jedoch darf die Entschädigung für die Überlassung des Besitzes, d. h. die Kapitalsvergütung, jene Grenze nicht überschreiten, innerhalb welcher es der redlichen und ehrlichen Arbeit möglich ist, im Arbeitsertrage die Zinsen und die Reproduction des Kapitals zu erübrigen. (Außer den angeführten und den namentlich bei Funk und Ratzinger verzeichneten Schriften seien von der neuesten Literatur noch folgende Abhandlungen genannt: P. Reichensperger, Die Zins- und Wucherfrage, Berlin 1879; C. Chorinsky), Der Wucher und der Liberalismus, Salzburg 1879; A. Lehmkuhl, Zins und Wucher vor dem Richterstuhle der Kirche und der Vernunft, in d. Stimmen aus Maria-Laach XVI [1879], 225 ff. 384 ff. 470 ff.; Ders., Deutung oder Mißdeutung der kirchlichen Vorschriften über Zins u. Wucher, ebd. XXVIII [1885], 1 ff.; A. M. Weiß, Zins und Wucher, Graz 1882; K. Vogelsang, Zins und Wucher, Wien 1884; A. Tr., Sind wir Wucherer? in »Christlich-sociale Blätter«, Neuß 1893, 193 ff.; M. Sdralek, Die Straßburger Diöcesansynoden [Straßb. Theol. Studien II, 1], Freiburg 1894, 19; Ch. Devas, Grundsätze der Volkswirtschaftslehre, übers. und bearbeitet von W. Kämpfe, Freiburg 1896, 290 ff. 314 ff.; J. Biederlack, Der Darlehenszins, Wien 1898; F. Schaub, Die Eigentumslehre nach Thomas von Aquin und dem modernen Sozialismus, Freiburg 1898, 360 ff.; J. Aertnys, Theol. moralis I, 5. ed., Paderbornae 1898, 356 sqq.; Haller, Die Stellung unserer Reformatoren zur Zins- und Wucherfrage, in »Kathol. Schweizerblätter« 1899, Heft 4; Th. Meyer Institutiones juris naturalis II, Friburgi 1900, 227 sqq.; B. Duhe, Die deutschen Jesuiten im Fünfpercent-Streit des 16. Jahrhunderts, in d. Zeitschrift für kath. Theologie XXIV [1900], 209–248.)

[A. Koch.]


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