Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Zorn gehört zu den folgenreichsten Äußerungen des Gemüthslebens. Im Gemüthe (s. d. Art.) bewegt sich das Begehren, wie es dem leiblich-geistigen Wesen des Menschen eigen ist. Dieß stellt sich einerseits dar als Liebe, Verlangen und Umfangen dessen, was der Natur conform erscheint (gut) und Haß, Flucht dessen, was ihr zuwider ist, sowie Trauer darüber, wenn man ihm nicht mehr entgehen kann, und diese Art des Begehrens wird von der Schule bereichnet als appetitus concupiscibilis; andererseits als Widerstreben und Ankämpfen gegen die Hindernisse des Guten und gegen die Ursachen des Übels, und dieß bezeichnet man als appetitus irascibilis oder als Zorn (ira) im Allgemeinen, insofern darin alle Arten des Widerstrebens inbegriffen sind. Der hl. Thomas (S. Th. 1, 2, q. 23, a. 1 et q. 25, a. 3) unterscheidet deren fünf, nämlich: Hoffnung und Verzweiflung, je nachdem die Beseitigung der Hindernisse eines Gutes möglich erscheint oder unmöglich, Muth (audacia) gegenüber den Ursachen eines Übels, deren Wirksamkeit zu verhüten noch als möglich erachtet wird, und Furcht in Ansehung jener Ursachen eines Übels, welchen sich zu entziehen schwer erscheint; Zorn, Widerstreben gegen bereits eingetretene Übel. Letzteres ist also die Bedeutung des Wortes im engern Sinne. – Sowohl im ersten wie im zweiten Sinne liegt der Zorn (irasci) im psychischen Gebiete der Seele als habitus, als Anlage, welche an sich unfrei ist, als passio, psychologisch gefasst. Angeregt durch concrete Objecte, geht sie in vorübergehende entsprechende Bewegung über, und das Begehren wird dann Gemüthsbewegung oder Affect des Zornes. – Das Begehren steht aber auch unter dem Einflusse des freien Willens, und insoweit es dadurch beursacht oder geleitet wird, entstehen die Acte des Zornes. Der aus der Erbsünde auch nach der Taufe noch gebliebene fomes peccati bringt es mit sich, daß auch der appetitus irascibilis im Widerspruche mit der Vernunft und der Gnade sich erhebt, und insofern ist in der gefallenen Natur Zorn auch eine der sündhaften Neigungen (peccata habitualia). In dem Grade, in welchem sich der freie Wille ihr hingibt und es mithin zu sündhaften Acten des Zornes kommt, gewinnt diese Neigung an Macht und wird zur Leidenschaft des Zornes im moralischen Sinne, zur Gewohnheit und zum Laster. – Die ungeordnete leidenschaftliche Zornmüthigkeit wird in der Seele bloß angeregt zum Schutze der dreifachen ungeordneten Concupiscenz. Denn sie hat für sich kein um seiner selbst willen begehrenswerthes Object, sondern ist nur gerichtet auf Beseitigung von Hindernissen, welche der Erreichung oder Bewahrung von Objecten der drei Concupiscenzen im Wege stehen (S. Th. 1, 2, q. 82, a. 3, ad 2). Die irascible Anlage der Seele nimmt deßhalb von der vorherrschenden Concupiscenz ihr Gepräge an. In stolzen Gemüthern drängt sie bei cholerischem Temperamente zu offenem Angriffe und Widerstande, und nach errungenem Siege über das Hinderniß ehrgeizigen Strebens tritt Ruhe ein; - bei melancholischer Anlage aber gestaltet sie sich zu nachhaltigem Groll, zur Rachsucht, oft zu unversöhnlichem Hasse; – bei sanguinisch angelegten Naturen zeigt sie sich als schnell auflodernde Flamme, welche aber sogleich wieder erlischt; – bei phlegmatischen als Empfindlichkeit und zeitweiliges Unbehagen, das bald wieder dem gewöhnlichen Niveau der Gemüthsruhe Platz macht. – Habsüchtigen und geizigen Menschen ist nicht so sehr leidenschaftliche Zornesglut eigen, als vielmehr kaltblütiges Berechnen, auf welche Weise sich einem Gegner am meisten Gewinn abringen läßt, und herzloses Verwerthen der dazu dienenden Mittel. – Sklaven der Fleischeslust, an denen sich nur Entnervung und Schwächung bemerkbar macht, nehmen am liebsten ihre Zuflucht zu feiger, arglistiger Nachstellung. In allen ihren Erscheinungen bilden diese Sünden das Widerspiel zur unterschütterlichen Ruhe der übernatürlichen Charitas, welche keinen Feind kennt außer der Sünde, und zu ihrer unermüdlichen Sorgfalt, so viel als nur möglich ihrer himmlischen Schätze theilhaft zu machen (1 Cor. 13, 4 ff.). Das Gut heiliger Liebe kann niemand rauben; unter Verfolgung und Anfeindung wird sein Besitz nur um so mehr gesichert. Es wird auch nicht gemindert, und mögen Unzählige daran participiren; die Seligkeit der Liebe erhöht sich vielmehr in dem Grade, in welchem sie Andere beseligt. – Der Zorn schließt eine doppelte sittliche Unordnung in sich: a. Überwucht der Gemüthserregung über vernünftige Überlegung und b. Feindseligkeit gegen Andere, durch welche der Zorn veranlasst wurde und gegen welche er gerichtet ist. In erster Beziehung wird er nur dann Todsünde, wenn man sich so willenlos der Leidenschaft überläßt, dass sie zu einer Art Raserei ausartet, oder daß durch sie schweres Ärgerniß gegeben wird. Auch der Eifer für das Gute kann Formen annehmen, in welchen an ihm nur Leidenschaftlichkeit und eine der Selbstbeherrschung entbehrende Gereiztheit der irasciblen Potenz zur Erscheinung kommt. Und dieß ist sicher Sünde in höherem oder geringerem Grade. Der heilige Geist gebietet deshalb: irascimini et nolite peccare (Ps. 4, 5. Eph. 4, 26). Der hl. Thomas (S. Th. 2, 2, q. 158, a. 1) sagt: … potest malum in ira inveniri, quando scilicet aliquis irascitus plus vel minus praeter rationem rectam. Si autem aliquis irascitus secundum rationem rectam, tunc irasci est laudabile. – Als feindselige Erhebung gegen Andere ist der Zorn schwere Sünde ex genere suo (S. Th. l. c. a. 2. 3) und hat folgende Acte: 1. Feindseligkeit gegen Personen, die kein Unrecht zugefügt haben; 2. Rachsucht gegen Beleidiger, und besonders in einer Weise, welche die erlittene Unbild weit überragt; 3. eigenmächtige Bestrafung des Beleidigers, statt Anrufung der zum Schutze des Rechtes bestehenden Auctorität; 4. Anrufung des ordentlichen Rechtsschutzes, aber nur aus dem Motive des Hasses und der Rachsucht. – Der Zorn hat zu seinem Gefolge: a. innere Sünden: Widerwillen gegen Andere (indignatio); tumor mentis, d. i. die Anfüllung des Herzens mit Gedanken und Plänen der Rache – Haß und Feindschaft; – b. äußere Sünden in Worten: clamor, heftiger Ausdruck des Widerwillens; blasphemia, Zornesausbruch in Lästerung Gottes (s. d. Art. Fluch); contumelia, in Beschimpfung des Nächsten; rixa (Zank und Streit); – c. äußere Sünden in Handlungen: vindicta, Rache (vgl. S. Th. ib. a. 7).

[Pruner.]


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