Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.


Zurechtweisung, brüderliche, correctio fraterna, eine aus Liebe hervorgehende Vorhaltung, welche man seinem Mitmenschen einfach als Mitmenschen macht, um ihn entweder aus dem Zustande der Sünde herauszubringen oder ihn von dem Begehen einer Sünde abzuhalten. Sie unterscheidet sich von der richterlichen Zurechtweisung, correctio judicialis seu coercitiva, sofern diese von einem Richter oder einem sonstigen Vorgesetzten als Vorgesetzten des bonum commune wegen zur Bestrafung eines Schuldigen geübt wird. Als eine Art von Mittelglied stellt sich die väterliche Zurechtweisung, correctio paterna, dar; sie ist eine Vorhaltung, welche ein Oberer wohl als Oberer macht, aber nicht in richterlicher Form, sondern in einer schlichtern, besonderes Wohlwollen bekundenden Weise. Die brüderliche Zurechtweisung kann manchmal Pflicht sein; dieß ergibt sich daraus, dass das Gebot der Nächstenliebe uns überhaupt verpflichtet, den Nächsten vor einem Übel zu bewahren, wenn dieses leicht geschehen kann. Nach dem Zwecke der brüderlichen Zurechtweisung, der Bewahrung der Seele des Nächsten vor einem Übel, muß nun aber auch das Mittel sich des Nähern gestalten. Die Zurechtweisung muss so gehalten sein, dass der Zurechtzuweisende fühlt, sie geschehe aus reiner Liebe; besonders bei einer wichtigen Sache soll thunlichst Sorge getragen werden, dass eine Person die Zurechtweisung vollzieht, zu welcher der Zurechtzuweisende besonderes Vertrauen besitzt. Vielfach ist es besser, die Zurechtweisung nicht im unmittelbaren Abschlusse an das Vergehen des Nächsten zu vollziehen, weil dann die Seele des Nächsten manchmal noch in einer gewissen Aufregung und für die Mahnung minder empfänglich ist; es muß nicht zu viel und zu häufig getadelt werden; ein kurzes, ernstes, von Liebe getragenes Wort, ja eine ernste Miene oder sogar ein ernstes Schweigen kann nach Umständen eindringlicher wirken als lange Reden. Zurechtweisung in privaten Dingen von Seiten solcher Personen, welche dem Zurechtzuweisenden ferner stehen, kann vielfach als lächerlich und aufdrängerisch erscheinen und dadurch eher schaden als nutzen. Dagegen soll die brüderliche Zurechtweisung recht zur Geltung kommen zwischen Freunden und zwischen solchen Personen, welche vereint einem guten Ziele zustreben. Von einer unter Todsünde bindenden Pflicht der brüderlichen Zurechtweisung kann nur gesprochen werden, wenn es 1. ganz ausgemacht ist, dass der Nächste eine Todsünde begangen hat oder in der nächsten Gefahr einer Todsünde sich befindet; 2. wenn nicht wohl angenommen werden kann, dass der Nächste aus sich selbst zu besserer Einsicht gelangt; 3. wenn wahrhaft begründete Hoffnung da ist, dass die Zurechtweisung guten Erfolg haben wird; denn wenn von der Zurechtweisung eher Schaden als Nutzen erwartet werden muß, so ist es sogar Pflicht, zu schweigen; 4. es muß nicht noch eine dritte Persönlichkeit da sein, welche zur Vornahme der Zurechtweisung geeigneter erscheint, und von welcher man mit Wahrscheinlichkeit annehmen kann, dass sie die Zurechtweisung vollziehen wird; 5. es muß die Gefahr eines schweren Nachtheils für den Zurechtweisenden fehlen. Obere von Orden und von anderen Communitäten, z. B. Seminarien, können allerdings auch unter Todsünde verpflichtet sein, gegen geringere Fehler der Untergebenen aufzutreten, nämlich dann, wenn durch solche Fehler der Gesammtzweck der Communität bedeutend beeinträchtigt wird.

[Kirschkamp.]


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